Es soll vorkommen, dass Menschen irrtümlich für tot erklärt werden. Wenn sie Glück haben, wird ihre Vitalität bemerkt, bevor sie in die Grube fahren. Wenn sie kein Glück haben, nicht. Dieses Schicksal ereilt nun die beiden Orchester des Südwestrundfunks: Bis 2016 dürfen sie noch ein bisschen mit den Sargdeckeln klappern, dann ist Sense. Dann wird zugenagelt, dann sind die zwei kerngesunden und traditionsreichen Klangkörper offiziell gestorben. So hat es der SWR-Rundfunkrat am 29. September beschlossen – gegen zahllose wütende Proteste. Nicht einmal die Bitten der Politik (Bund, Land und Kommunen!) um zeitlichen Aufschub fanden Gehör. Ein starkes Stück für ein gebührenfinanziertes Unternehmen. Als hätten die Vitalität der beiden Sinfonieorchester, ihre Verwurzelung im Ländle, ihr Renommee weit darüber hinaus die Entsorgung noch beschleunigt. Mir könnet alles außer Hochdeutsch und Kultur? Wie peinlich.

Morgen beginnen die Donaueschinger Musiktage, und sie werden unter dem kulturpolitischen Debakel ächzen. Nicht nur den Komponisten der 24 Uraufführungen gegenüber ist das ungerecht. Auch die Musiker des traditionell dort aktiven SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg dürften spüren, was ihnen blüht: ein Dasein als Zombies. Bis 2025 sollen sie mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart fusionieren und als eine Art "Superorchester" wiederauferstehen. Das ist nicht nur künstlerisch völliger Humbug, weil die Stuttgarter ein eher konventionelles Repertoire bedienen und die Schwarzwälder Spezialisten für Neue Musik sind und überhaupt Orchester sich nicht vermanschen lassen wie Spätzle und Schupfnudeln. Es ist auch, liebe Schwaben, ökonomischer Humbug.

Denn von 2013 an werden die Rundfunkgebühren pro Haushalt erhoben (und nicht mehr pro Gerät). Niemand weiß, was das für die Sender bedeutet. Beim SWR sägen sie trotzdem emsig an dem Ast, auf dem sie via Kulturauftrag sitzen – und sparen für schlechte Zeiten. Sagenhafte 166 Millionen Euro sollen es bis 2020 sein, die Orchester trügen nahezu ein Viertel von dieser Last.

Die Alternative wäre gewesen, erst zu rechnen, wenn es verlässliche Zahlen gibt. Oder, horribile dictu, ein Orchester ganz zu schließen, statt zwei um einen halben Kopf kürzer zu machen. So ganz scheint SWR-Intendant Peter Boudgoust, der oberste Sargträger der Region, die Hoffnung allerdings nicht aufgegeben zu haben, dass doch noch eine "Förderung und Mitgestaltung durch Dritte" vom Himmel fällt. In diesem Fall würde er die Fusionsmisere "überdenken". Sprich: Ohne Sponsoren geht jetzt und in Zukunft gar nichts, am besten, die Klangkörper kümmern sich selbst darum.

Gäbe man ihnen Zeit, Mittel und Kompetenz, würden sie dies bestimmt erwägen. Vorher aber brauchen wir eine Debatte über unsere kulturelle Solidargemeinschaft und die Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks darin. Und keinen Holzhammer, der alles plattmacht, was zuckt – und sei es das weltweit wichtigste Festival für Neue Musik.