Frau Vogel ist eine Pflegerin, wie sie sich jeder wünscht für ein Lebensende, das sich keiner wünscht, eines wie das des »lieben Herrn Doktor Brunner«. So spricht Birgit Vogel unermüdlich den greisen Mann an, den sie seit vergangenem Jahr in Starnberg umsorgt. Herr Doktor Brunner ist steif vom Rigor, der Muskelstarre des Parkinson, und mit seinen 83 Jahren fast bewegungsunfähig. Pflegestufe drei, die höchste.

Der ehemalige Anwalt lebt in einer Villa, wie sie in der Fernsehserie Schwarzwaldklinik vorkommen könnte. Seit einiger Zeit haben dort Frauen das Sagen, Frauen wie Birgit Vogel. Ihr Hausanzug aus Nicki-Stoff ist fliederfarben, über der Brust steht »Good Girl«. Über ihre Kunden sagt sie: »Man muss diese Menschen beschützen wie Kinder, aber mit ihnen umgehen wie mit Erwachsenen.« Brunners zweite Frau Astrid, 67, findet: »Sie ist ein Segen.«

Der Segen kostet jeden Monat 5.000 Euro – das Luxusmodell der Heimpflege, das sich nur leisten kann, wer vorher reich geworden ist. Für Frau Vogel bleiben von den 5.000 Euro der Brunners im Monat nur 1.100 Euro netto übrig – für drei Wochen Dauerbereitschaft: 14 Tage Pflege rund um die Uhr, dann eine Woche frei. Das ist der Rhythmus. 504 Stunden auf Abruf, jeden Monat.

480 Kilometer nördlich von Starnberg, mitten in Gießen, kann sich ein Professor in seinem Haus noch recht gut bewegen. Aber nach 90 Jahren machen die Knie von Erwin Knauß nicht mehr richtig mit. Der Historiker kann Einkäufe nicht mehr tragen, Tumoren schwächen den einst sportlichen Körper. Pflegestufe eins, noch. Als vor zwei Jahren seine Frau starb, stellt ihn Knauß’ Tochter, die in Hannover lebt, vor die Wahl: Altenheim oder Pflege zu Hause. Seither geben sich bei Knauß Slowakinnen die Klinke in die Hand.

Derzeit wohnt Alena Knirsch dort. Die 50-Jährige hat Ökonomie studiert und spricht ein charmantes Deutsch im slawischen Satzbau. »Musst du nicht hinlegen dich?«, fragt sie Knauß besorgt. Denn »Erwin« – man hat sich nach ihrer Ankunft schnell aufs Du geeinigt – hat sich ein Virus eingefangen. » Sie ist sehr sozial «, lobt Knauß. 2.100 Euro im Monat zahlt er für Alena Knirschs Dienste, inklusive des Zuschlags für ihr gutes Deutsch. Knirsch arbeitet sechs Wochen durch. Auch für sie bleiben am Ende des Monats 1.100 Euro – für 744 Stunden Bereitschaft.

Sieben Tage, 24 Stunden lang – für 1.000 Euro und ein bisschen

Birgit Vogel und Alena Knirsch sind zwei von Zigtausenden Frauen, die Dienst an deutschen Alten tun und nebenbei ein System vor dem Kollaps bewahren. Sie sind moderne Wanderarbeiterinnen, die für einen beschämend niedrigen Lohn quer durchs Land ziehen. Sie geben für Wochen und Monate ihre Leben auf, lassen Familie, Freunde, Wohnungen und Hobbys zurück, um rund um die Uhr für fremde, oft schwer kranke Leute da zu sein. Sie heben und schleppen, waschen und kochen, füttern und windeln. Für 1.000 Euro und ein bisschen.

Wenn die Zahl der Pflegefälle in Deutschland von heute 2,4 Millionen auf die vorausgesagten 3,36 Millionen bis zum Jahr 2030 anschwillt – wird der Pflegealltag von Vogel und Knirsch dann zur Normalität?

Regelmäßig erregen sich Politiker, Kassenfunktionäre und Gewerkschafter darüber, dass unzählige Deutsche illegal Schwarzarbeiterinnen aus Osteuropa zu sich holen, damit die ihre greisen Angehörigen pflegen. Das Problem ist nur: Die Ursachen dafür haben die Kritiker selbst geschaffen – mit einem in sich widersinnigen und ungerechten Regelwerk für den legalen Markt der häuslichen Pflege, der unter Fachkräftemangel leidet und den Kunden zu teuer ist.