Für die Deutsche Vogel gelten völlig andere Gesetze und Standards als für die Slowakin Knirsch. Vogel ist fest angestellt beim bundesweit agierenden ambulanten Pflegedienst Humanis aus Karlsruhe. Alena Knirsch ist »entsendet« worden von ihrer slowakischen Firma Sunset Boulevard und an Herrn Knauß vermittelt von Sunsets deutschem Geschäftspartner, der Agentur Linara in Berlin. Knirsch ist offiziell lediglich eine Haushalts- und Betreuungshilfe und dem Arbeitnehmer-Entsendegesetz unterworfen, das Dumpinglöhne verhindern und einer Scheinselbstständigkeit vorbeugen soll.

Vogels Firma dagegen muss sich an deutsches Arbeitsrecht halten, an die Pflege-Paragrafen der Sozialgesetzbücher, die Qualitätsstandards und Dokumentationspflichten der Pflegekassen, an Hygienevorschriften, Impfpflichten, Vorsorgeuntersuchungen und Weiterbildungsangebote für ihre Angestellten. Humanis zahlt bis zu 5.000 Euro an die Berufsgenossenschaft und bis zu 1.400 Euro Schwerbehindertenabgabe im Jahr, weil die Firma – welch Wunder – nicht ausreichend Behinderte beschäftigen kann fürs Heben und Waschen gebrechlicher Greise. Und während Vermittlungsagenturen mit selbst behaupteter Kundenzufriedenheit werben, werden die Leistungen von Vogels Firma regelmäßig vom strengen Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) geprüft. Da wird der Wunsch nach Qualität der Pflege gegen den nach ihrer Bezahlbarkeit ausgespielt. Was sich bei beiden Modellen gleicht, ist nur der karge Lohn.

Rund 1,7 Millionen Menschen werden in Deutschland zu Hause gepflegt, in über einer Million Fälle von Angehörigen. Sagt die Statistik. Wie viele Angehörige längst auf billige Arbeitskräfte aus den neuen Bundesländern und dem Ausland zurückgreifen, sagt die Statistik nicht. 20.600 ausländische »Haushaltshilfen« sind offiziell erfasst. Die Schwarzarbeiterinnen aus Osteuropa , die ohne Vertrag für 1.000 Euro auf die Hand wie moderne Mägde alte Deutsche hüten, bleiben ungezählt. Schätzungen gehen von 60.000, andere von 100.000, dritte sogar von 200.000 aus. Der für Kontrollen zuständige Zoll prüft kaum. Täte er es, würde das wahre Ausmaß des Pflegenotstands im Land offenbar. In der Altenpflege geht man von einem Bedarf von 200.000 zusätzlichen Beschäftigten bis 2020 aus.

Bisher ist nur eine Strategie zu erkennen, wie dieser Bedarf gedeckt werden soll: Man verlässt sich darauf, dass die Verliererinnen des ostdeutschen und osteuropäischen Arbeitsmarktes in die Bresche springen.

Acht Wochen fort. »Das hält die Liebe nicht aus«, sagt ihr Mann

Vogel war bis vor dreieinhalb Jahren Chefsekretärin in einem Chemnitzer Mittelstandsunternehmen. Da hatte sie eine 40-Stunden-Woche, und abends, in ihrer Mietwohnung im Plattenbauhochhaus mit schönem Blick bis hin zum Erzgebirge, konnte sie abschalten, ihren Mann sehen, der als CNC-Techniker arbeitet. Oder sie ging zum Fitness, das war ihr Hobby. Als sie 57 war, sollte Birgit Vogels Stelle in einen 400-Euro-Job verwandelt werden. Das wollte sie nicht mitmachen und wurde Altenpflegerin. Jetzt verzichtet sie auf Weihnachten mit der Familie, um wenigstens Silvester zu Hause zu sein.

Alena Knirsch, die Ökonomin, war 16 Jahre lang Kundenmanagerin in einem Import-Export-Unternehmen in Bratislava, pflegte nebenbei eine alte Frau und ging putzen. Die drei Jobs brachten ihr 1.200 Euro brutto – bis zur Krise 2009. Sie verlor ihren Job in der Handelsfirma und fand keinen neuen. Für zu alt befand man sie – mit damals 47 Jahren. Eine Freundin schlug ihr vor, bei Sunset anzuheuern. Vier Wochen dauerte der Kurs, der sie auf ihre neue Aufgabe als Betreuerin alter Deutscher vorbereiten sollte. Seither legt ihr Sunset immer zwei, drei deutsche Kunden zur Auswahl vor, die sich in Berlin gemeldet haben, bei Linara, einer der Vermittlungsagenturen, die mit schönen Seiten im Internet und kostenloser Telefonnummer um die Angehörigen pflegebedürftiger Kunden werben – und um belastbare Osteuropäerinnen. Die Agenturen leben von den Provisionen der Entsender-Firmen und einer »Verwaltungsgebühr«, die im Preis für ihre Kunden enthalten ist.

Dienste wie Humanis versuchen dagegen die Ansprüche zu erfüllen, die Kassen und Politik an sie stellen: Für jeden Kunden werden Pflegepläne erstellt. Jeder Pflegefall wird mit 2,5 Arbeitskräften kalkuliert, um eine lückenlose Betreuung zu garantieren. Das alles macht Anbieter wie Humanis so unfassbar teuer, dass der Geschäftsführer Adriano Pierobon sagt: »Ich selbst werde mir das im Alter niemals leisten können.« Über Mangel an Kundschaft kann sich der Gerontologe dennoch nicht beklagen. Kaum wird einer der 40 Plätze frei, ist er schon wieder vergeben.

Wie sehr der karge Lohn die Frauen einschränkt, erzählen sie beiläufig: Als Birgit Vogel neulich 500 Euro für eine Zahnbehandlung zuzahlen sollte, wusste sie lange nicht, wie. Mühsam kratzte sie das Geld zusammen. Als dann einer ihrer Söhne die Rechnung beglichen habe, »habe ich mich unheimlich gefreut«. Alena Knirsch muss sich genau überlegen, ob sie diesmal wirklich nur sechs statt wie sonst acht Wochen im Einsatz bleiben will. Zwei volle Monate brächten ihr zwei volle Fahrtkostenzuschüsse von je 90 Euro. Bei sechs Wochen Einsatz kriegt sie das Fahrgeld nur anteilig. 45 Euro weniger – viel für sie.