Die im Dunkeln sieht man nicht: Das ist die Hoffnung aller Diktaturen, wenn sie einen Dissidenten einsperren. Sie hoffen, dass der Widerspruch verstummt. Dass der Widerwortegeber unsichtbar wird. Dass die Kritik am Willkürstaat unwiederbringlich in den Orkus versenkt werden kann. »Die Außenwelt war verschwunden«, schreibt Gabriele Stötzer, eine ehemalige politische Gefangene der DDR, die jetzt mit dem Deutschen Sozialpreis 2012 geehrt wurde, in einem ihrer Gefängnistexte. »Sie holten mich ab. Wir verließen das Haus und gingen durch Wände und Wände und Wände. Die Treppen, die Gänge, die erste Zelle, meine Kleider, die ich ausziehen, und der graue Trainingsanzug, den ich anziehen musste. Sie nahmen mir meine äußere Existenz. Sie zeigten mir ihre unendliche Macht über mich.«

Unendliche Macht und unüberwindliche Mauern: Das ist die Illusion, die der totalitäre Staat zur Einschüchterung seiner Gefangenen und zur eigenen Sicherheit erzeugen muss. So hat es Gabriele Stötzer nach ihrer Haftentlassung 1978 in ungedruckten Büchern beschrieben. So war das bis zum Mauerfall in der DDR, und so ist es auch heute in der ehemaligen Sowjetrepublik Kasachstan. Am selben Tag, als Stötzer für eine Fernsehreportage über das Frauenzuchthaus Hoheneck, den Ort ihres Martyriums, den Sozialpreis erhielt, kam die Nachricht aus Kasachstan, dass der missliebige Theaterregisseur Bolat Atabajew eine erneute Verhaftung fürchten muss, sobald er nach Hause zurückkehrt. Momentan hält sich Atabajew in Berlin auf. Im Sommer war er in der Heimat wegen »Anstiftung zu sozialen Unruhen« verhaftet worden (tatsächlich hatte er Partei für streikende kasachische Ölarbeiter ergriffen), reiste dann aber aus und nahm in Deutschland die Goethe-Medaille entgegen . Nun kann man fragen: Was nützen den Dissidenten ihre Preise? Was hilft der Lorbeer gegen das Gefängnis – gegen die Erinnerung an das Erlittene und die Angst vor neuem Ausgeliefertsein?

Die Preise machen die Dissidenten sichtbar. Und Sichtbarkeit ist das Gegenteil der staatlich sanktionierten Gewalt, der Gewissenskontrolle, der Willkürurteile. Sichtbarmachen ist das Einzige, was man im Nachhinein gegen politisches Unrecht tun kann. In Deutschland haben wir das nach dem Freiheitsherbst 1989 und nach dem Jubel der Wiedervereinigung nur langsam begriffen. Für Jahre blieben die von der DDR verbotenen Dichter unsichtbar. Sie hatten ja keine großen Verlage, sie waren im Westen unbekannt. Erst unter Mühen brachten Germanisten wie Joachim Walther und Ines Geipel sie ans Licht. »Verschwiegene Bibliothek« heißt die einzigartige Buchreihe, in der auch ein Band von Gabriele Stötzer erschien. Darin erfahren wir, dass die Freiheit kein Geschenk ist, sondern einen Preis hat.

Die Schriftstellerin schreibt über ihre Haft, nicht um unser Mitleid zu heischen, sondern um das dunkle Ohnmachtsgefühl zu bannen. Aus der demütigenden Erfahrung der Willkür arbeitet sie sich Wort für Wort heraus. Indem sie ausspricht, was Menschen einmal imstande waren, einander zuzufügen, deutet sie an, wozu sie vielleicht noch immer imstande sind. Das ist die ewige Arbeit der Dissidenten: Beschämendes auszusprechen. Deshalb fürchtet sich Kasachstan vor dem Regisseur Atabajew, und deshalb ist es gut, wenn wir den Mutigen Preise verleihen.