Alexander Tiersen ist jemand, der sich mit Finanzen auskennt, sie sind sein Beruf. Dem 42-Jährigen gehört ein kleines, erfolgreiches Unternehmen in der Münchner Innenstadt. Er schult und berät Bankberater, früher war er selber einer. Jahrelang sprach er mit seinen Kunden über Aktien, Anleihen, Lebensversicherungen. Fast immer ging es dabei um eine ebenso einfache wie bedeutsame Frage: Wie schaffe ich es, im Alter genug Geld zu haben?

Weil auch ein Finanzexperte irgendwann in Rente geht, hat Tiersen für sich selbst vorgesorgt. Vor 13 Jahren kaufte er eine Kapitallebensversicherung. Er verhielt sich wie die Mehrheit der Bundesbürger. In Deutschland gibt es 80 Millionen Menschen – und 90 Millionen Lebensversicherungsverträge. Bisher galt es als Allgemeinwissen, dass das Geld dort sicher und gewinnbringend angelegt ist. Da kann einem nicht viel passieren, so dachte auch der Finanzexperte Alexander Tiersen. Bis die Euro-Krise ein großes Loch in seine Rentenpläne riss.

200.000 Euro würde Tiersen im Jahr 2029 ausbezahlt bekommen. So steht es in seinem Versicherungsvertrag. Irgendwo heißt es auch, dass das nur bei normalem Verlauf gelte. Tiersen ist darüber nicht gestolpert. Er kannte ja die ökonomische Geschichte der Bundesrepublik Deutschland: 60 Jahre, in denen die Wirtschaft bei allen konjunkturellen Auf und Abs stetig wuchs, in denen Umsätze und Gewinne stiegen. Das würde doch immer so weitergehen. Oder?

Es ging nicht so weiter. Pleitebanken, Niedrigzinsen, Euro-Schwäche. Was sich in der Finanzwelt abspielt, ist komplizierter und existenzieller als alles, was die Bundesrepublik bisher erlebt hat. Alte Wahrheiten scheinen außer Kraft gesetzt, was eben noch felsenfest wirkte, mutet auf einmal zerbrechlich an. Kein Wunder, dass sich nach einer Studie des Allensbach-Instituts inzwischen zwei Drittel der deutschen Berufstätigen um ihr Erspartes sorgen.

Alexander Tiersen ist einer von ihnen. Er werde im Jahr 2029 nur noch 167.410 Euro erhalten, teilte ihm die Versicherung mit, auch wegen der unerwarteten Entwicklung an den Finanzmärkten. "Mir fehlen über 30.000 Euro, mit denen ich fest gerechnet habe", sagt Tiersen. "Ich muss das fehlende Geld jetzt zusätzlich ansparen." Und es könnte noch viel schlimmer kommen, fürchtet er. Wer wisse schon, ob der Betrag nicht weiter abschmelze, ob ihm am Ende womöglich 50.000 oder 70.000 Euro fehlen. Es könne ja keiner sagen, wie lange die Krise dauert.

Tiersen ist enttäuscht. Ihm, dem Finanzprofi, ist es peinlich, dass er nicht ahnte, was da kommen würde, dass auch er dachte, alles bleibe, wie es ist. Seinen echten Namen will er daher nicht in der Zeitung lesen. Am liebsten würde er seine Lebensversicherung kündigen. Aber was dann? Dann wäre da ja immer noch diese eine Frage, die sich derzeit wahrscheinlich so viele Bundesbürger stellen wie nie zuvor.

Wohin mit dem Geld?

Wer in diesen Wochen durch Deutschland in der Krise reist und mit Menschen über ihre Finanzen spricht, merkt rasch, wie sich die Lebensgeschichten im Portemonnaie spiegeln. Er trifft auf wilde Hoffnung und große Angst. Er erlebt Sparer, die das Gefühl haben, es gebe nur noch einen Weg, ihr Geld zu schützen: es möglichst schnell in Beton zu verwandeln. Er begegnet Anlegern, die sich nicht mehr für Anleihezinsen interessieren, sondern nur noch für Barren und Münzen. Und manchmal gibt es sogar Leute zu beobachten, die aus der Angst ums Geld die vielleicht naheliegendste Konsequenz ziehen: es ganz schnell auszugeben.

Der Verhaltensökonom Thorsten Hens von der Universität Zürich untersucht seit vielen Jahren die Psyche von Anlegern. "Viele tendieren im Moment zu Extremen", sagt er. "Das ist typisch für Menschen, die Angst haben."

Ein Beispiel für dieses Extremverhalten ist: die Schockstarre. Zwar haben Millionen Bundesbürger längst ihr Vertrauen in Banken und Finanzinstitute verloren. Doch als Reaktion darauf lassen sie ihr Geld ausgerechnet dort: auf der Bank. Zwei Billionen Euro liegen derzeit auf deutschen Spar-, Tages- und Festgeldkonten herum, so viel wie nie zuvor.