"Selbstmitleid finde ich abstoßend"

ZEITmagazin: Frau Eichinger, wissen Sie noch, welches Parfum Sie getragen haben, als Sie zum ersten Mal mit Bernd Eichinger zusammen waren?

Katja Eichinger: Damals habe ich gar kein Parfum getragen. Ich hatte damit aufgehört und habe erst wieder angefangen, als er mir eins geschenkt hat. Er kam auf einmal mit diesem Parfum, und es war interessant für mich, diese weibliche Seite an mir wiederzuentdecken. Wir haben dann immer zusammen Parfum eingekauft. Es ist ja sehr wichtig, dass der Partner das eigene Parfum mag. Ich weiß noch, dass ich mir im Mai nach seinem Tod in Cannes mein erstes eigenes Parfum gekauft habe. Das ist mir schwergefallen. Aber es war auch ein erster Schritt in ein eigenes Leben.

ZEITmagazin: Liebte Ihr Mann es, seine Frauen zu schmücken?

Eichinger: Bernd war ein visueller Mensch. Die meisten Männer nehmen einen ja gar nicht wahr oder nur Teile von einem. Das Besondere an ihm war, dass er tatsächlich die Augen aufhatte und die Menschen wahrgenommen und vor allem auch Frauen wahrgenommen hat, weil er Frauen per se ästhetisch ansprechend fand.

ZEITmagazin: Warum waren Sie plötzlich die Richtige für ihn?

Eichinger: Warum war er plötzlich der Richtige für mich? Das kann man ja auch fragen. Ich glaube, wir waren ähnliche Typen. Zum einen ist Kino für mich ebenfalls ein zentraler Aspekt im Leben. Außerdem war es wohl gut, dass ich bis dahin in London gelebt hatte und das ganze Bernd-Eichinger-Image nicht kannte. Er war für mich ein weißes Blatt Papier. Wir mussten uns nicht erst durch diesen ganzen Wall an Konnotationen und Gerüchten durcharbeiten. Ich fand es unwiderstehlich, mit so einem aufregenden Mann zusammen zu sein, der sich dem Alltag verwehrte und der so intensiv lebte.

ZEITmagazin: Sie haben auch mal gesagt, dass er der war, »der mich erträgt«. Warum hatten Sie das Gefühl, er müsse Sie ertragen?

Eichinger: Ich war ein harter Brocken, mit meinem Kampfgeist im Leben. Ich glaube, ich bin per se eher ein anstrengender Mensch. Vielleicht wird manchen Menschen meine Intensität einfach zu viel. Mir ist wichtig, dass man sich austauscht, er hat mich herausgefordert und ich ihn. Aber manchmal bin ich auch sehr in mich versunken und habe dann keine Lust, mich zu erklären. Bernd hat das verstanden, ihm ging es ähnlich. Wir waren beide ohne Erwartungshaltung. Unsere Ehe basierte auf unserem gemeinsamen Verständnis von Loyalität: Egal, was passiert, man gehört zusammen und vergibt einander.

"Man muss sich dem Tod stellen"

ZEITmagazin: Mit der Ehe gaben Sie Ihre Selbstständigkeit auf und wurden Frau Eichinger. Fanden Sie einen Ausgleich?

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Eichinger: Ich hatte nicht mehr die Aufmerksamkeit, die man genießt, wenn man seinen Namen als Autorin eines Artikels gedruckt sieht. Aber ich bekam wahnsinnig viel Aufmerksamkeit von Bernd und auch viel Anregung. Ich habe durch ihn zum ersten Mal erfahren, was Liebe tatsächlich ist. Durch Bernd bin ich als Mensch gewachsen, weil ich extrem gefordert war. Ich habe es als das Schönste überhaupt empfunden, dass ich jemandem all meine Liebe geben konnte und er das tatsächlich wollte. Ich hatte auf einmal ein Zuhause.

ZEITmagazin: Sie waren fast die ganze Zeit zusammen – und dann war er plötzlich nicht mehr da. Was hat Sie nach diesem Schock gerettet?

Eichinger: Ich hatte Bernd ein Versprechen gegeben: Falls etwas passieren würde, würde ich cool bleiben und alles regeln. Dieses Versprechen habe ich gehalten, nur so kommt man da durch. Selbstmitleid finde ich abstoßend. Man kann sich nur selbst retten, indem man sich entschließt, sich retten zu lassen. Man muss sich dem Tod stellen, denn wenn man davor wegrennt, dann lebt man auch nicht. Ich habe mich entschlossen zu leben.

ZEITmagazin: Das ist keine leichte Entscheidung. Haben Ihre Freunde Ihnen geholfen?

Eichinger: Am Anfang ist es schwierig, wenn einem ständig die Augen schwimmen und man gleichzeitig Verständnis erwartet, weil man nicht allein sein kann. Ich habe einen Freund in London, den ich weinend angerufen habe. Er hat sich nur über mich lustig gemacht, und das war genau richtig. Er hat mich dadurch zum Lachen gebracht. Es gehört viel Mut dazu, sich über jemanden in so einer Situation lustig zu machen. Aber er hat das getan und mich in diesem Moment, als ich wirklich gedacht habe, dass ich nicht mehr kann, tatsächlich gerettet. Es gab viele Rettungsmomente: durch Menschen, durch Musik, durch das Autofahren. Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal wieder den Balkon bepflanzt und mir gesagt habe: Ich pflanze jetzt etwas, ich pflanze Leben. Das hat mich Überwindung gekostet, und dennoch war es ein sehr wichtiger Moment.