Stellen Sie sich vor: Sie sitzen an einem schönen Sommerabend auf der Terrasse eines Restaurants am See. Sie freuen sich auf die schöne Abendstimmung, den gegrillten Fisch und auf viel Mayonnaise. Der freundliche Kellner nimmt Ihre Bestellung auf und präsentiert Ihnen daraufhin ein zweiseitiges Formular mit folgendem Text, das Sie bitte unterschreiben sollen:

  • Ich bin mir bewusst, dass die Terrasse in den See stürzen kann
  • der Sonnenschirm über mir zusammenbrechen kann
  • dass ich an den Gräten der Dorade ersticken kann
  • dass die Mayonnaise mit Salmonellen kontaminiert sein kann
  • dass ich auf Bestandteile des Essens und des Weins allergisch reagieren kann
  • dass der Wein meiner Gesundheit schadet. Ich erkläre, dass ich darüber ausführlich informiert worden bin, allfällige Klagen wegen Schädigung unterlassen werde und dass ich dies in Vollbesitz meiner geistigen Kräfte unterschreibe.

Ob Ihr Appetit wohl darunter leidet? Beim nächsten schönen Abend werden Sie sicherlich lieber zu Hause kochen und essen.

Eine Operation oder eine Herzkatheter-Untersuchung können Sie leider nicht zu Hause durchführen. Sie müssen sich vertrauensvoll an einen Ihnen unbekannten Spezialisten wenden und hoffen, dass er sein Metier versteht. Auch bei ihm oder ihr unterschreiben Sie, dass Sie sich bewusst sind, dass es zu Organverletzungen, Blutungen, Infekten kommen kann, die Ihren Gesundheitszustand gefährden und bis zum Tod führen können. Eine ähnliche Aufklärung erfolgt noch durch den Anästhesisten – und auch hier müssen Sie unterschreiben, dass Sie sich der Gefahr möglicher gesundheitlicher Schäden bewusst sind. Denn strafrechtlich gesehen, ist eine Operation Körperverletzung und darf nur mit Ihrem Einverständnis durchgeführt werden.

Haftpflichtklagen gegen Ärzte nehmen zu, und Verurteilungen kommen häufig wegen ungenügender Aufklärung zustande. Etwas anders sieht es in der Geburtshilfe aus. Hier besteht die mögliche Schädigung der Mutter während der Schwangerschaft oder der Geburt an sich. Diese beiden Ereignisse sind zwar etwas Natürliches, aber nicht etwas Risikoloses. Das ist auch der Grund, warum es seit Urzeiten Geburtshelfer gibt in Gestalt von weisen Frauen, Hebammen und Ärzten. Sie übernehmen temporär die Aufgabe, für zwei Menschen zu sorgen, für die Mutter und das Kind, um im richtigen Moment helfend einzugreifen. Aber genau in dieser Disziplin häufen sich die Haftpflichtklagen, und die Prämien steigen so hoch an, dass es in weiten Teilen Amerikas bereits fast unmöglich ist, überhaupt noch eine Fachperson zu finden, die bei einer Geburt hilft. Auch bei uns ist es bereits so, dass jede Entscheidung im Gebärsaal mit einem kleinen Hintergedanken an mögliche Klagen gefällt wird, eine Bitternis in diesem Beruf, den ich so geliebt habe.

Die horrenden Prämien führen zu einer Verteuerung der Medizin. Rechnet man noch die Millionen gekaufter, aber wegen angsteinflößender Beipackzettel nicht eingenommenen Tabletten dazu, ergibt dies einen stattlichen Betrag, von dem kein einziger Patient oder Arzt profitiert, aber dafür Versicherer, Juristen und die Pharmaindustrie.

Der Ärztemangel wird dazu führen, dass Ärzte in gefährlichen Fachbereichen nicht mehr arbeiten wollen. Und dann wird die Medizin richtig gefährlich.