Manchmal hilft nur noch der Gang ins Archiv. Und dann, nach einigen Stunden, ergibt plötzlich alles einen Sinn. Sogar der Fall Mörgeli – und die unbeholfene Reaktion der Universität Zürich auf den von ihr entfachten Wirbel.

Es ist das Jahr 1992. In den USA erscheint ein Buch, das bald darauf das Schweizer Gemeinwesen durchschütteln wird: Reinventing Government von David Osborne und Ted Gaebler. Darin beschreiben die beiden Autoren, wie unternehmerisches Denken die öffentliche Verwaltung zum Guten verändert. Das Werk ist die Geburtsstunde des New Public Management, welches die Amtsstuben vom Staub der Bürokratie befreien soll. Darunter auch die Universitäten, die in der Schweiz noch Teil der kantonalen Verwaltungen sind.

An vorderster Front dabei sind in den neunziger Jahren der Kanton Zürich und sein Bildungsdirektor Ernst Buschor. Der umtriebige Ökonomieprofessor, der an der Uni St. Gallen lehrte, gilt den einen als Messias, den anderen als Inkarnation des Bösen. Lehrerverbände wie Studentenorganisationen reiben sich auf an seinen Reformvorhaben. Doch im damaligen Uni-Rektor Hans Heinrich Schmid, einem Theologen, hat Buschor einen Verbündeten, der in seiner Freizeit erste Zukunftsvisionen "seiner" neuen Uni erarbeitet. "Ich will ein New University Management", sagt er – und das sollte er kriegen. 1998 nimmt das Zürcher Stimmvolk ein neues Universitätsgesetz an.

Die Universitäten verstehen sich als Unternehmen – und schotten sich ab

Das Gesetz war eine Revolution – und eine Selbstentmachtung der Politik. Bis anhin herrschte der Bildungsdirektor wie ein absolutistischer Fürst über die Universität: Er zahlte, kontrollierte und leitete. Damit war Schluss. Die Universitäten wurden in die Unabhängigkeit entlassen. Seither werden sie zwar mit staatlichem Geld finanziert, aber sie sind in ihren Entscheiden weitgehend autonom. Die Zerschlagung dieser spätmittelalterlichen Strukturen – allein die Berufung eines neuen Professors führte über 17 Instanzen – ging einher mit einem totalen Mentalitätswandel. Die Universitäten wurden nunmehr wie Unternehmen geführt. Heute sind sie Teil einer globalen Wissensökonomie. An die Stelle von Bürokratie traten Zielvereinbarungen, Effizienzrechnungen und Evaluationen. Und wie jede Firma verwehren sich auch die Schweizer Unis gegen jede Einmischungen von außen in ihre Angelegenheiten. Auch gegen jene aus der Politik.

Das muss wissen, wer verstehen will, weshalb der Rektor der Uni Zürich im Fall Mörgeli beinahe die Fasson verlor. "Lassen Sie mich ausreden", herrschte er Journalisten an, als er die Entlassung des SVP-Nationalrats verkündete. Oder weshalb der Präsident der Rektorenkonferenz in "größter Sorge" ist über die Ankündigung von SVP-Stratege Christoph Blocher, seine Partei wolle die Universitäten genauer anschauen.

Mag sein, dass die höchsten Uni-Verwalter sich zu fein sind für derlei Kämpfe. Vor allem aber haben sie das sportliche Prinzip von Rede und Gegenrede verlernt. Es wurde ihnen ausgetrieben, als man ihre Kathedralen des Wissens zu corporate universities reformierte.

Wer sich als Professor öffentlich engagiert, kann weniger publizieren

"Durch den Willen des Volks", prangt über dem Portal der Uni Zürich. Ihm, dem Volk, sind die Hochschulen verpflichtet. Nicht nur, weil ihre Budgets nach wie vor großmehrheitlich aus Steuergeldern finanziert werden. Schon Hans Heinrich Schmid forderte in seiner Vision einer Universität der Zukunft eine "Wechselwirkung mit der Gesellschaft". Das heißt auch, bei Kritik den Kopf hinzuhalten und eine Debatte zu führen, und zwar nach den Spielregeln der breiten Öffentlichkeit.

Doch die Universitäten und die in den vergangenen Jahren wuchernden Organisationsstäbe verwechseln Public Relations mit Engagement. Noch nie wurde Wissen so gut verkauft, aber öffentliche Auftritte von Professoren gelten im schönen neuen Wissenschaftssystem nichts. Im Gegenteil. Wer seine Rolle als aufgeklärter Staatsbürger ernst nimmt und sich in die Debatte jenseits der Elfenbeinturmmauern einbringt, verbrät wertvolle Zeit, denn die einzige harte Währung in einer Uni-Laufbahn sind Zitationen in Fachjournalen. Und, noch schlimmer: Wer sich öffentlich äußert, wird schnell als "unseriös" verschrien.

Dass ein kleines Land wie die Schweiz auf das Mitdenken, auch das politische, seiner überschaubaren Anzahl heller Köpfe angewiesen wäre – dieser Gedanken hat in der Universität des 21. Jahrhunderts keinen Platz. Die zunehmend global ausgerichteten Institutionen beschäftigen sich vor allem mit sich selbst und ihrer Konkurrenz in Deutschland, England, den USA oder Asien.

So gilt für die Akademien, was für die Großfirmen hierzulande schon lange gilt: Sie müssen sich einbringen. Jenseits des Steuerfrankens die einen, jenseits des globalen Uni-Rankings die anderen. In der politischen Arena. Wissenschaft entsteht nicht im luftleeren Raum.

Wer das kapiert hat, der lässt sich auch durch einen umstrittenen Personalentscheid nicht mehr aus dem Konzept bringen.