Die Dunkelgräfin sitzt auf einer Kutsche. Ich entdecke sie, kurz bevor sich etwa 2000 Menschen auf den Weg durch die thüringische Kreisstadt Hildburghausen machen: zum Theresienfestumzug, Anfang Oktober. Die Dunkelgräfin ist schwarz gekleidet. Als ich sie anspreche, lüftet sie ihren Schleier nur so weit, dass ich in meiner Fantasie ein schönes Gesicht erahne...

Die wirkliche Dunkelgräfin lebte von 1807 bis 1837 in Hildburghausen und im nahen Schloss Eishausen. Sie zeigte sich stets verschleiert. Es gibt Historiker, die behaupten, dass sie die Tochter eines berühmten Regenten war – des nach der Revolution von 1789 hingerichteten französischen Königs Ludwig XVI. und seiner Gemahlin Marie Antoinette. Dass diese Dunkelgräfin, in Wirklichkeit, Marie Therese hieß. Lebte sie inkognito in Hildburghausen? War sie, die 1837 als Sophia Botta auf dem Hildburghäuser Schulersberg begraben wurde, in Wahrheit edelsten Geblüts?

175 Jahren nach ihrem Tod will der Mitteldeutsche Rundfunk diese Frage klären. Will die Gräfin für eine TV-Doku und DNA-Analyse ausgraben lassen, um herauszufinden, ob sie die "Madame Royale" ist. Was im Umkehrschluss hieße: Dass jene Frau, die offiziell als Marie Therese in Wien lebte und in Slowenien bestattet wurde, gar nicht Marie Therese war.

Der Streit um dieses MDR-Projekt ist inzwischen so heftig, dass Hildburghausens Bürgermeister zu einer Bürgerversammlung ins Theater lud. Im Juni hatte sein Stadtrat mit 14 Ja-Stimmen gegen fünf Nein-Stimmen den Plänen des MDR zugestimmt.

Ein Hildburghäuser Maler verteilte daraufhin Flugblätter, auf denen sinngemäß geschrieben stand: Marie Therese! – Der Guillotine entkommen! – Nun unter dem Fallbeil von MDR und Stadtrat! Eine Initiative organisierte ein Bürgerbegehren gegen die "medienträchtige Exhumierung". Fast 1000 Wahlberechtigte der 12.000-Einwohner-Stadt unterschrieben. Deshalb dürfen die Hildburghäuser bald in Wahlkabinen entscheiden, ob exhumiert wird.

Noch läuft der Festumzug. Ich spaziere eine gute Stunde mit Tschingderassa-Begleitung zur Theresienwiese. In der Nähe entdecke ich die Dunkelgräfin wieder. Sie heißt Maria Adriana Albu, ist 25 Jahre alt und Schauspielerin am Meininger Theater. Sie ist Hildburghäuserin. Ihre Oma hatte ihr oft die Geschichte der Dunkelgräfin erzählt. "Aber immer als ein Märchen", sagt sie. "Nun könnte man das Märchen per DNA-Vergleich zur Realität werden lassen. Ja ich bin dafür, dass ich ausgegraben werde!" Wobei sie auch zweifelt. "Wenn sich nach der Analyse herausstellt, dass ich nicht das gewünschte Ich bin, hat die Stadt ihr letztes Geheimnis verspielt."

Darum sorgen sich viele. "Liegt die Echte nun in Slowenien oder in Hildburghausen?", sinniert etwa Bürgermeister Steffen Harzer (Linke). Ich treffe ihn in seiner Stammkneipe. "Das Rätsel", sagt er, "wird durch die Exhumierung hoffentlich endgültig gelöst. Ich glaube zu 99 Prozent daran, dass Marie Therese hier liegt. Und dass wir durch die Bestätigung einen ordentlichen Aufschwung für den Tourismus erhalten." Der MDR hätte gern schon im laufenden Jahr mit den Ausgrabungen begonnen. Das sei nun wegen des Bürgerentscheides nicht mehr möglich. "Doch ich denke, dass die Mehrheit für das MDR-Projekt stimmen wird", sagt Harzer.