DIE ZEIT: Herr Minister, zum dritten Mal haben Sie sich vergangene Woche mit dem chinesischen Außenminister zum »Strategischen Dialog« getroffen. Was ist der Zweck – und was ist der Nutzen?

Guido Westerwelle: Unser Dialog nimmt mehr und mehr welt- und regionalpolitische Fragen in den Blick. Das heißt, dass wir nicht nur miteinander wirtschaftliche Interessen verfolgen, kulturell zusammenarbeiten und einen Rechtsstaatsdialog führen, sondern dass wir das wachsende Gewicht Chinas in der Welt, in der Weltpolitik beim Worte nehmen.

ZEIT: Wo gibt es Dissens?

Westerwelle: Wir sehen es aktuell in Syrien. Aus unserer Sicht müssten die strategischen Interessen Chinas in der Region und in Syrien eigentlich andere sein als die Russlands.

ZEIT: Nämlich welche?

Westerwelle: Russland hat ein anderes Verhältnis zum Nahen und Mittleren Osten. Es ist bei der Energie von Importen unabhängig, China dagegen ist sehr darauf angewiesen, dass Energie bezahlbar bleibt, dass seine Energieversorgung stabil und zuverlässig ist. Alles andere gefährdet die Entwicklungsziele Pekings und das dynamische Wachstum der chinesischen Volkswirtschaft.

ZEIT: Welchen Einfluss hat China in Damaskus?

Westerwelle: Einen unmittelbaren und einen mittelbaren – direkte Kontakte mit Regierung und Opposition, aber auch indirekte Hebel, beispielsweise über Russland. Es ist in unserem Interesse, dass wir alle in unseren Bemühungen nicht nachlassen, mit Russland zu sprechen, damit wir im Sicherheitsrat die frustrierende und kritikwürdige Blockadesituation überwinden können.

ZEIT: Nimmt China international die Verantwortung wahr, die einem Land seiner Größe und Bedeutung entspricht?

Westerwelle: Mehr und mehr. Wir leben nicht in einer bi- oder unipolaren Welt, wir leben in der multipolaren Welt des 21. Jahrhunderts. China ist heute eines der ganz großen Kraftzentren. Je kräftiger China wirtschaftlich wird, desto wichtiger ist es, dass es die daraus erwachsende politische Autorität verantwortungsvoll einsetzt, nämlich für Frieden, Stabilität und Ausgleich.

ZEIT: Die chinesische Führung sagt stets, ihr wichtigster Beitrag zur internationalen Stabilität sei die Entwicklung des eigenen Landes.

Westerwelle: Das ist ja auch nicht falsch. Und es ist eine ganz bemerkenswerte Anstrengung und Leistung. Die Führung um Ministerpräsident Wen Jiabao hört jetzt auf. Ich werde ihn als einen für sein Land erfolgreichen Ministerpräsidenten in Erinnerung behalten. Uns erscheint China als ein riesiges und gleichzeitig sehr homogenes Reich. Das ist es nicht: China ist ein Vielvölkerstaat, mit vielen Sprachen und vielen Kulturen, und es ist deswegen auch kein Wunder, dass China so viel Wert auf die »harmonische Gesellschaft« legt. Das ist der Ausgleich zwischen Reich und Arm, zwischen Land und Stadt, zwischen Binnenland und Küstenregionen. Aber es ist natürlich auch der Ausgleich zwischen unterschiedlichen Kulturen, Ethnien und Mentalitäten.

ZEIT: Die »harmonische Gesellschaft« – das ist natürlich auch ein ideologischer Begriff, der schwer zu vereinbaren ist mit unserer Vorstellung von einer offenen Gesellschaft.

Westerwelle: Als liberaler Politiker bin ich überzeugt, dass wirtschaftliche und gesellschaftliche Öffnung mindestens langfristig miteinander verbunden sind. Das lässt sich im modernen China auch beobachten Aber: China und Deutschland haben ganz unterschiedliche kulturelle, historische und philosophische Wurzeln. Unsere Wertvorstellungen können deshalb auch nicht deckungsgleich sein. Umso bemerkenswerter, dass es uns gelingt, trotz dieser Unterschiede offen zu sprechen und so eng zusammenzuarbeiten.