Das ist ein wichtiges Buch, für die Theorie und auch fürs Leben: Wilhelm Schmid: Unglücklich sein. Für die Theorie ist das Buch wichtig, weil es einen Ausweg darstellt: Derzeit gibt es eine Tendenz, die Philosophie der Lebens- oder Politikberatung anzugleichen. Die schönen individuellen, manchmal aristokratischen Züge dieser Disziplin werden in der Öffentlichkeit vermeintlichen oder tatsächlichen Publikumsbedürfnissen geopfert. Als Philosoph wird man populär, wenn man glauben machen kann, viel Nützliches und Hilfreiches zu wissen.

Anderseits kann man nicht leugnen, dass eine in sich verschlossene Professorenphilosophie alte Fragen, wie denn zu leben sei, (sich) kaum zu stellen wagt. Wilhelm Schmid ist Professor gar, und zwar "außerplanmäßiger Professor" an der Universität Erfurt. Er ist seinem Thema über viele Jahre treu geblieben, nämlich dem Thema der Lebenskunst und der verschiedenen Varianten von Glücksfragen. Als er einmal im Fernsehen auftrat, erzählte er von seiner Arbeit als "philosophischer Seelsorger" in einem Schweizer Krankenhaus: Schmid kennt also das Unglück aus der Praxis, und man kann viel von ihm lernen, ohne dass seine philosophische Argumentation nach lukrativer Beratungstätigkeit röche.

Aus der Praxis stammt dieses Beispiel: "In nachhaltiger Erinnerung bleibt mir ein Mann, der mit 38 Jahren an Lungenkrebs starb. Bis zum letzten Atemzug lehnte er es ab, seine Krankheit für tödlich zu halten, und glaubte fest daran, sie zu überwinden. Er nahm von niemandem Abschied und verfasste kein Testament, mit unguten Folgen für die Hinterbliebenen."

Es ist das Hauptprinzip dieser Ermutigung zum Unglück, das sogenannte "positive Denken" scharf zu kritisieren: Positives Denken, absolut gesetzt, zerstört den Sinn für die Lebensrealitäten. Auch der "Negativismus" als Dogma liegt falsch, es kommt darauf an, beide Seiten des Daseins, die guten und die bösen, zu erwarten. Ist man das Gegenteil von einem Glückspilz, nämlich ein Pechvogel, dann ist es auch nicht so ein Unglück, weil es weniger ums Glück geht als um Sinn: "Immer mehr Menschen entbehren in der modernen Gesellschaft Sinn", und dieser von Schmid kursiv herausgehobene Sinn erinnert an Viktor Frankl, der unter anderem mit dem Buch berühmt wurde: Man’s Search for Meaning.

Während die übertrieben intensiven Formen der Glücksuche leicht ins Unglück führen, kann der seines Sinnes sichere Mensch das gewiss nicht ausbleibende Unglück besser in seinen Lebenslauf integrieren. In nüchtern trockener Art beschreibt Schmid, dass der Sinn nicht über allem schwebt, sondern dass er in der Sinnlichkeit: im Sehen, Schmecken und Riechen verankert ist. Was es aber zu verstehen gilt, ist erstens, wie sehr der forcierte Glaube ans Dauerglück, so wie er gemeinhin propagiert wird, die Leute darauf trimmt, bei jedem schweren Unglück hilflos umzukippen.

Zweitens sollte man verstehen, dass das Unglück einen Sinn hat, nämlich Besinnung zu ermöglichen: "Erheblich früher als die Glücklichen bemerken die Unglücklichen eine Gefahr, eine Fehlentwicklung, ein Unrecht." Deshalb versucht der Autor, zum Unglücklichsein auch zu ermutigen. "Die kommende Zeit der Melancholie" heißt das letzte Kapitel seines Buches: Traurig habe ich es gelesen, denn es ist ja möglich, dass zum Beispiel ökologische Katastrophen die letzten Tage der Menschheit einleiten: "Gibt es etwa ein Argument dafür, dass eine Menschheit unbedingt existieren müsste?"