Es ist schon lange her, da konnte man in Birmingham sehen, wie ein besseres Großbritannien aussehen sollte. Es war die Nachkriegszeit, und in Englands zweitgrößter Stadt entstanden Hochstraßen und Hochhäuser, eine Bücherei, ein Konzertsaal – viel öffentlicher Raum aus Beton. Der Staat formte und dirigierte das Leben der Briten.

Diese Zukunft von früher wird gerade abgerissen, und an ihrer Stelle entsteht ein privatisierter Stadtkern mit Wohnungen und Einkaufszentren aus Glas und Stahl. Die Pläne dafür stammen noch aus der Zeit vor der Finanzkrise, und sie gehören zu einer Gesellschaftsordnung, in der privates Kapital große Freiräume bekam und die Freiheit der einen mit mehr Wohlstand für alle einhergehen sollte. Doch es verwundert nicht, dass auch dieses Modell heute infrage steht.

Was soll der Staat? Welche Vorstellung von ihrer Gesellschaft haben die Briten und welche von ihrem Land? Die Baustelle in Birmingham illustriert die britische Identitätskrise sehr deutlich, und insofern hatte die konservative Partei vergangene Woche den richtigen Ort für ihren Parteitag gewählt: die Baustelle in Birmingham. Dort trafen sie sich, um nach zwei Jahren an der Regierung eine ziemlich miese Bilanz zu ziehen. Premierminister David Cameron hat nicht viel mehr vorzuweisen als hohe Arbeitslosenzahlen und eine neuerliche Rezession.

Und dennoch stehen die Chancen der Tories nicht schlecht, wiedergewählt zu werden. Denn sie haben eine identitätspolitische Ablenkungsdebatte entfacht, die enorme Wirkung entfaltet.

Ihre radikal neue Vision fürs Land: Sie wollen die EU nun tatsächlich verlassen, und in Birmingham zwangen die Parteimitglieder ihren Premierminister Cameron dazu, den Austritt vorzubereiten. Er, der sich bisher stets gegen einen solchen Schritt gesträubt hatte, fügte sich dem Mehrheitswillen seiner Fraktion, der Parteibasis und großen Teilen seines eigenen Kabinetts und versprach einen Volksentscheid. "Es ist an der Zeit, unser Verhältnis mit unseren europäischen Nachbarn neu zu definieren."

Wie kann das sein? Wie kann aus einer seit Jahren gepflegten, aber nie mehrheitsfähigen Antipathie gegen die europäische Integration ein Thema werden, das eine neue Identität stiften soll?

Vier Tage lang stritten Parteihelfer, Kommunalräte, Abgeordnete und Minister über Hochgeschwindigkeitszüge und die Homo-Ehe, über die Zukunft der Pubs und ob Windräder wirklich die Antwort auf die Klimaerwärmung sein können, wo sie doch die Landschaft so verschandeln. Doch so manchem Delegierten erschien das ganze Palaver reichlich hohl. Vier Jahre nach dem Bankencrash und der Finanzkrise steckt das Land erneut in der Rezession, und die überschattet alles. "Solange die Wirtschaftskrise andauert, können wir ja doch nichts ausrichten", sagt eine junge Abgeordnete zynisch. "Außer mit der Europa-Idee vielleicht. Die kommt in meinem Wahlkreis immer besser an."

Mit jedem Monat Euro-Krise wächst die Zahl der Briten, die bereit sind, die Taue zum Kontinent zu kappen und die EU zu verlassen. Zu groß ist die eigene Not, als dass sie für andere Staaten in Europa noch in irgendeiner Weise haften wollen. Bei den Iren haben sie es noch getan, aber mit ihnen teilen die Briten nicht nur eine besondere Geschichte, sie sind auch der wichtigste Handelspartner.

Der Wandel in der Europa-Debatte ist also letztlich ein Spiegelbild der britischen Wirtschaftsentwicklung. Vor einem Jahr war der Austritt noch irreal. Da war ökonomisch noch Land in Sicht. Es schien, als würde die schlimmste Wirtschaftskrise seit beinahe hundert Jahren zu einem Ende kommen. Schatzkanzler George Osborne sagte eine Wachstumsrate von knapp einem Prozent für 2012 voraus. Nach nur fünfzehn Monaten im Amt hatte die Koalition aus Konservativen und Liberaldemokraten anscheinend ein Wunder vollbracht. Im Angesicht eines Schuldenberges von elf Prozent des Bruttoinlandproduktes (BIP), eine Größenordnung, die Euro-Länder wie Irland und Portugal in den Bankrott getrieben hatte, startete die britische Regierung ein radikales Sparprogramm, das die Budgets einzelner Kabinettsressorts um bis zu 23 Prozent kürzte. Im öffentlichen Dienst wurden eine Million Stellen abgebaut. Am Ende blieb nicht einmal der ministerielle Limousinendienst von Sparmaßnahmen verschont. Als Resultat sanken die Staatsschulden auf gut acht Prozent des BIP, was die Finanzmärkte auch mit den besten Bonitätsnoten für britische Staatsanleihen belohnten.

Aber David Cameron wollte nicht nur der Premierminister sein, der die Staatsfinanzen saniert. Seine Mission war es, die britische Gesellschaft neu zu gestalten. Die Bankenkrise sei nicht nur eine Krise des angelsächsischen Finanzsystems, erklärte er 2009. "Sie hat eine zerbrochene Gesellschaft entblößt, in der die Ärmsten keine Aufstiegschancen haben, weil sie von einem aufgeblasenen Wohlfahrtsstaat gegängelt werden, und die Reichen in den Führungsetagen der Finanzdienstleister so mächtig sind, dass sie nur noch sich selbst und nicht der Allgemeinheit dienen." Seine Antwort war die big society, die Vision einer Gesellschaft, die nicht länger vom Staat entmündigt wird, sondern sich durch Demokratie an der Basis stärker selbst verwaltet, und in der gierigen Bankern durch scharfe Regulierung die Selbstsucht ausgetrieben wird.