Das Image der Ökonomen mag ja seit dem Ausbruch der Finanzkrise etwas angekratzt sein, aber wenn es einer wieder richten kann, dann Alvin Roth. Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler hat nämlich bewiesen: Man kann die ökonomische Theorie benutzen, um Menschenleben zu retten.

Gemeinsam mit Ökonomenkollegen und Ärzten nahm der Professor zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts ein tödliches Problem ins Visier: Wie auch anderswo auf der Welt finden in den USA nur sehr wenige Patienten eine geeignete Spenderniere. Tausende sterben daher jedes Jahr. Das Grundproblem ist äußerst vertrackt: Nicht jedes gespendete Organ, ob von einem lebenden oder von einem verstorbenen Spender, kann jedem Patienten eingesetzt werden. Da spielen viele Faktoren eine Rolle: Blutgruppen und Altersunterschiede etwa; und oft genug leben passende Spender und Empfänger weit voneinander entfernt.

Die Standardantwort eines Ökonomen wäre wohl, es doch einmal mit einem Markt zu versuchen. Es könnte effizient sein, mit den Nieren zu handeln und die "unsichtbare Hand" ihre Wunder wirken lassen. Doch das finden die meisten Menschen aus moralischen oder kulturellen Gründen inakzeptabel. Und das Gesetz verbietet es.

Roth (60) und sein Forscherteam machten sich also auf die Suche nach einer anderen Lösung: Sie entwickelten ein computerbasiertes Programm, mit dem heute eine wachsende Zahl von US-Kliniken Informationen über Nieren austauscht. Ein mathematisches Verfahren aus Roths Feder bringt dabei möglichst viele Spender und Empfänger zusammen. Die größte Errungenschaft war es, lebende Spender, die einem Angehörigen oder Freund helfen wollen, in das System zu integrieren: Falls ihre Niere nicht zum gedachten Empfänger passt, kommt das Organ einem anderen, passenden Patienten zugute – und die nächste geeignete Niere eines fremden Spenders wird dann dem eigenen Angehörigen zugedacht. Dieses Prinzip wird in dem System auch über lange Ketten von Spendern ausgedehnt. Seither ist die Zahl der Lebendspenden in den USA deutlich gewachsen.

So geht der Nobel-Gedenkpreis für Wirtschaftswissenschaften in diesem Jahr an eine Forschungsrichtung, die einerseits äußerst theorielastig und mathematisch daherkommt – die aber andererseits hohen praktischen Nutzen für das Wohlergehen der Menschen stiften kann. Mindestens so hohen Nutzen, wie die Auseinandersetzung mit klassischen Fragen des Wirtschaftswachstums oder der richtigen Geldpolitik.

Es ist eine Forschungsrichtung, die von der Frage ausgeht: Was kann man tun, wenn Märkte nicht gut funktionieren? Wenn etwa das Handelsgut oder die Marktbedingungen so kompliziert sind, dass die Anbieter und Nachfrager sich gar nicht erst auf einen Preis einigen können? Oder wenn – wie im Fall der Nieren – ein Handel auf Märkten zwar möglich wäre, aus moralischen oder kulturellen Gründen aber abgelehnt wird?

Der zweite Nobelpreisträger dieses Jahres, Lloyd Shapley (89), war besonders früh an dieser Frage dran: Er dachte schon in den fünfziger und sechziger Jahren darüber nach, wie sich Gruppen über die Verteilung von Dingen einigen können, wenn das Ganze nicht über einen Markt läuft. Das höchste Ziel, postulierte Shapley, sei am Ende die "Stabilität" des Ergebnisses: Alle Teilnehmer müssten damit so zufrieden sein, dass sie nicht noch weiter darüber verhandeln könnten, ohne sich schlechter zu stellen. Lloyd Shapley gilt auch als Mitbegründer der sogenannten Spieltheorie, die zu erklären versucht, wie Menschen sich verhalten, wenn sie strategisch kalkulierend miteinander umgehen.

Alvin Roth griff Shapleys Ideen in den achtziger Jahren auf – und wagte sich an etwas für Ökonomen sehr Ungewöhnliches: praktische Arbeit. Wobei es dazu, wie er später erzählte, eher zufällig kam. Eines Tages habe ein Gesundheitsmanager bei ihm angerufen, der Chef des sogenannten National Resident Matching Program in den USA. Er schlug sich mit einem Problem herum: Medizinstudenten hatten gewaltige Schwierigkeiten, Ausbildungsplätze in den Krankenhäusern zu finden. Das Vergabeverfahren galt als unfair, alle versuchten einander bei der Jagd nach begehrten Stellen auszutricksen, verheiratete Ärztepaare wurden durch das System auseinandergerissen. "Damals habe ich erst mal gedacht: Hilfe, hätte ich doch bloß den Hörer nicht abgenommen!", sagte Roth.

Er fand dann aber mithilfe seiner Theorien – und auf Shapleys Grundlagen – tatsächlich ein Verfahren, das 1998 eingeführt wurde und deutlich besser funktionierte. Später revolutionierte Roth noch die Schulplatzvergabe in New York, stülpte die Ausbildung von Gastroenterologen um und dergleichen mehr. "Marktdesign" nennt er seine anwendungsnahe Spielart der mikroökonomischen Theorie.

Die praktischen Erfolge veränderten aber auch die Art und Weise, wie Roth über die Rolle von Ökonomen in der Gesellschaft nachdachte. "Der wirkliche Erfolgsbeweis wird nicht nur darin bestehen, wie gut wir die allgemeinen Grundlagen verstehen, die den wirtschaftlichen Austausch bestimmen", schrieb er 1991, "sondern wie gut wir dieses Wissen auf praktische Fragen der mikroökonomischen Ingenieurtechnik anwenden können." Ökonomische Ingenieurtechnik, Wirtschaftswissenschaftler als Klempner für gesellschaftliche Verteilungsprobleme aller Art: So bescheiden und zugleich so ambitioniert formulierte Roth seinen Anspruch an die eigene Zukunft.

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