Diese Wahl wird eng werden, sehr eng. So eng, dass durchaus möglich ist, was vor ein paar Wochen noch undenkbar schien: dass die Welt am Morgen des 7. November erwacht und der künftige amerikanische Präsident nicht Barack Obama heißt – sondern Mitt Romney.

In Europa wird diese Möglichkeit noch weithin verdrängt. Zwei Drittel der Europäer erhoffen sich eine zweite Amtszeit Obamas, die meisten halten einen anderen Wahlausgang auch für so gut wie ausgeschlossen. Die jüngsten Zahlen aber sprechen gegen diese Hoffnung. Seit Wochen hat Romney in den Umfragen zugelegt, in manchen hat er Obama sogar überholt. Gut möglich also, dass sich die Europäer bald fragen werden: Wie konnte Romney Präsident werden? Sind die Amerikaner jetzt komplett verrückt geworden?

Natürlich hat Obama noch längst nicht verloren. Fast jedes Ergebnis ist denkbar, auch eine Wiederholung des hauchdünnen Resultats des Jahres 2000, als wochenlang nachgezählt werden musste und am Ende George W. Bush Präsident wurde, obwohl er nicht die Mehrheit der Stimmen gewonnen hatte, dafür aber die Mehrheit der Wahlmänner. Sicher scheint im Moment nur eines: Diese Präsidentschaftswahl wird bis zur letzten Sekunde an den Nerven zerren.

Dabei schien der Trend noch vor Kurzem auf Obamas Seite zu sein. Eine Reihe positiver Nachrichten stärkte den Präsidenten: Die Arbeitslosenrate in den Vereinigten Staaten ist leicht auf 7,8 Prozent gesunken, viele Amerikaner schauen wieder zuversichtlicher in die Zukunft, und die meisten von ihnen wünschen sich immer noch, dass bei einer plötzlichen Weltkrise Barack Obama im Weißen Haus zum Telefon greift und nicht sein republikanischer Herausforderer. Am Ende aber entscheidet nicht die Außenpolitik über das Wahlergebnis, sondern die Lage der Wirtschaft daheim in den USA.

Die meisten Amerikaner finden Obama sympathischer als den steifen Romney

Es ist fast so etwas wie eine historische Gesetzmäßigkeit: Seit dem Zweiten Weltkrieg wurde noch nie ein US-Präsident wiedergewählt, wenn die Arbeitslosenquote am Ende seiner ersten Amtszeit weit über sieben Prozent lag. 23 Millionen Menschen ohne Job, sechs Millionen mehr arme Amerikaner als vor vier Jahren, 16 Billionen Dollar Staatsschulden – das ist eine ungeheure Last für Obama. Angesichts dieser Bilanz wäre seine Wiederwahl eigentlich eher erklärungsbedürftig als ein Sieg des Herausforderers.

Die meisten Amerikaner finden Obama sympathischer als den steifen Romney. Und sie sehen durchaus, dass Ex-Präsident Bush Mitschuld trägt an der Misere des Landes. Dennoch wird sich die Mehrheit am Ende dieses aufgeheizten Wahlkampfs bei ihrer Entscheidung an einer einzigen Frage orientieren: Wer kann die Wirtschaft wieder in Schwung bringen? Wer vermag das angeschlagene Selbstbewusstsein Amerikas aufzurichten? Obama oder Romney? Und die Antwort könnte durchaus lauten: Mitt Romney.

Dem Unternehmer und ehemaligen Gouverneur von Massachusetts wird in Sachen Ökonomie und Haushaltssanierung mehr zugetraut als dem Präsidenten. Und nur knapp die Hälfte der Amerikaner findet, Obama mache einen guten Job.