Die Republik staunte, als Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) am vergangenen Wochenende beiläufig erwähnte, dass in Deutschland derzeit 110 mit Haftbefehl gesuchte Rechtsextremisten in den Untergrund abgetaucht seien. Wer genau sich versteckt und aus welchen Gründen, darüber verraten die Behörden nur das Nötigste – aus Datenschutzgründen, wie es heißt. Eine Liste des Innenministeriums aus dem Frühjahr zählt die Delikte auf, deretwegen die Haftbefehle offen sind. Es fehlen Angaben dazu, wie lange die Straftäter bereits auf der Flucht sind.

Etliche Neonazis werden – wenig überraschend – wegen Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole oder Volksverhetzung gesucht. Häufig vertreten sind auch Delikte, die ebenfalls szenetypisch sind, aber in ganz anderem Sinne: Trunkenheit am Steuer oder Fahren ohne Führerschein, Erschleichen von Sozialleistungen oder Betrug. Ein weiterer Beleg für die hohe Kriminalitätsrate unter den meist jungen und männlichen Rechtsextremen.

Mehrere Körperverletzungen sind aufgeführt und sogar ein Mord. Laut Bayerischem Innenministerium galten sieben der damals 38 im Freistaat Flüchtigen als "Gewalttäter". Das Sächsische Innenministerium teilte vor ein paar Tagen auf Anfrage der Grünen mit, von den dort vermissten acht Straftätern werde einer wegen Hausfriedensbruch gesucht, ein anderer wegen gefährlicher Körperverletzung. Das Gewaltpotenzial der Gesuchten dürfte also erheblich sein. Andererseits finden sich auf den Listen keine Straftaten, die auf Terrorismus hindeuten, wie im Fall der späteren NSU-Zelle in Jena, nach der wegen eines Sprengstoffdelikts gefahndet worden war. In der rechten Szene ist die Begeisterung über die Taten der Untergrund-Nazis nicht ungeteilt; dennoch, bei 110 Untergetauchten ist davon auszugehen, dass zumindest einige unter ihnen in den Mördern aus Jena Vorbilder sehen.

Stets betonen die Behörden, nach den meisten der Gesuchten werde nicht wegen "politisch rechts motivierter Straftaten" gefahndet. Doch sagt das wenig über ihre Gefährlichkeit. Zudem ist die offizielle Statistik rechtsextremer Straftaten lückenhaft – so gilt es in Bayern als "sonstige Kriminalität", was einem der dort Gesuchten vorgeworfen wird: dass er eine "Person türkischer Herkunft" gewürgt und mit "So was wie ihr gehört vergast!" beschimpft hatte.

Im Frühjahr standen noch 160 Nazis auf der Fahndungsliste des Innenministeriums. Entstanden war sie nach einem kleinen Eklat: Kurz nach Auffliegen des NSU im letzten November hatten die Spitzen der Sicherheitsbehörden in einer nichtöffentlichen Sitzung des Bundesinnenausschusses einräumen müssen, man wisse nicht, wie viele Rechtsextremisten sich derzeit im Untergrund verbergen würden. Nach diesem peinlichen Eingeständnis legten sich die Behörden ins Zeug.

Bald lag die Liste der 160 vor, und plötzlich konnten auch etliche von ihnen gefasst werden: Auf dem Flughafen Brüssel-Zaventem beispielsweise wurde ein fünffach gesuchter Neonazi aus Thüringen festgenommen, der inzwischen in Litauen und Kolumbien lebte. Anfang April stöberten Zielfahnder in Portugal Gerhard Ittner auf, einen bayerischen Neonazi und fanatischen Hitler-Verehrer mit Verbindungen ins Umfeld des NSU, der zuvor sieben Jahre lang angeblich nicht auffindbar gewesen war. Insgesamt wurden innerhalb weniger Wochen rund 50 Flüchtige gefasst.

Seitdem hat sich der Stand nicht verändert. Das kann bedeuten, dass die Behörden die Nazis nun wieder in Ruhe lassen. Oder dass die Flüchtigen clever genug sind, trotz Fahndung unerkannt zu bleiben. Oder dass einige der Gesuchten zwischenzeitlich gefunden wurden und dafür andere Neonazis abgetaucht sind. Beruhigend ist keine dieser Möglichkeiten.