An der Börse ist erfolgreich, wer sich einen Informationsvorsprung erarbeitet. Daran dachte ich, als mir mein Vater 1998 zum ersten Mal von Sangui Biotech erzählte. Mein Vater ist Arzt. Ärzte verfassen Gutachten und Studien. Und Ärzte kennen andere Ärzte, die Gutachten schreiben und Studien verfassen. Auch mein Vater kannte einen Kollegen. Der erzählte ihm von dieser kalifornischen Biotech-Firma, die noch keiner kannte, die aber schon bald ein neuartiges Wundspray und künstliche Sauerstoffträger auf den Markt bringen würde, noch vor dem Börsengang. Es gebe da eine Beteiligungsgesellschaft in Düsseldorf, die einem jetzt schon Aktien der Firma verkaufe.

Es war die Zeit, als so ziemlich jede Klitsche an die Börse ging. Und es war die Zeit, als jeder im Bekanntenkreis vier Depots bei Banken eröffnete, nur um bei Neuemissionen mit ein paar Aktien bedacht zu werden, weil diese ihren Wert am ersten Börsentag oft verdoppelten. Warum also nicht vorher schon Eigentümer werden, dachte ich mir, und verkaufen, wenn alle anderen kaufen? Also kaufte ich in Düsseldorf amerikanische Aktien für 1,68 Euro das Stück, die – wie sich im Depotauszug herausstellte – in Denver lagen und die ich sechs Monate lang nicht verkaufen durfte. Aber solch eine Sperrfrist gibt es für Alteigentümer immer.

Nun, ich war leider keiner der Alteigentümer, sondern ein Eigentümer, der bald ziemlich alt aussehen sollte, weil er an sein Eigentum nicht heran kam. Der Kurs stieg, wie im Prospekt versprochen, nicht nur am ersten Handelstag, und so wollte ich nach Ablauf der Sperrfrist einen hübschen Gewinn realisieren. Bloß verweigerte mir die Beteiligungsgesellschaft in Düsseldorf den Zugriff auf das Depot in Denver und bald darauf auch jegliche Korrespondenz. Immerhin hatte ich eine Adresse auf dem Briefkopf. Und so suchte ich nach der Münsterstraße 306 in Düsseldorf. Ich fand: einen Briefkasten, sonst nichts. Jahre später entdeckte ich die Beteiligungsgesellschaft noch mal, und zwar auf einer Liste der deutschen Finanzaufsicht Bafin, auf der Firmen stehen, die Anleger abgezogen hatten. Aber da war es ohnehin zu spät. Selbst wenn ich auf mein Depot in Denver hätte zugreifen können, hätte ich nicht mehr viel gewonnen. Sangui Biotech gab und gibt es wirklich, auch die Aktie, doch die hatte zu diesem Zeitpunkt massiv an Wert verloren. Ihr Kurs heute: 34 Cent.