Liebe Aktie, wir müssen reden. Ich sehe nicht mehr klar. Wie steht es um uns? Wie soll es mit uns weitergehen? Entschuldige bitte meinen etwas kühlen Ton, aber für einen Liebesbrief reicht es leider mal wieder nicht. Einen Abschiedsbrief will ich allerdings auch noch nicht schreiben.

Wir führen eine komplizierte Beziehung. Aber immerhin haben wir inzwischen eine. Nachdem wir jahrzehntelang gefremdelt und uns dann langsam angenähert hatten, fingen wir in den letzten Jahren des alten Jahrtausends diese leidenschaftliche Affäre an. Mit den bekannten Folgen. Ich musste für unsere paar euphorischen Momente ziemlich teuer bezahlen, und Du selber gingst auch ziemlich ramponiert aus der Geschichte hervor. Meine bedingungslose Liebe hat Dir ganz offensichtlich nicht gutgetan, der Absturz war hart, für uns beide. Du warst aber auch zu unwiderstehlich damals! Nicht nur, dass Du mir eine Zukunft frei von Sorgen versprachst, Du hast auch so getan, als müsste ich selber nichts dafür tun, Dir einfach nur vertrauen. Nun, ich habe inzwischen gelernt, dass eine Beziehung mit Dir, die mehr sein soll als eine Affäre, echte Arbeit bedeutet.

Damals standen wir am Abgrund. Heute sind wir einen Schritt weiter. Ein alter, blöder Spruch, ich weiß, aber ich kenne Dich heute wirklich viel besser als vor zehn, 15 Jahren. Zwar längst nicht gut genug, doch wenn ich etwas nicht weiß über Dich, weiß ich zumindest, wo ich das ohne großen Aufwand in Erfahrung bringen kann. Auch unsere Beziehung ist im Zeitalter des Internets eine gläserne geworden. Blöd nur, dass Du in genau demselben Zeitraum so viel unberechenbarer geworden bist. Ich habe keine Ahnung mehr, wie Du tickst. Volatil, sagen die Fachleute dazu, immer wieder schlägst Du um Dich, mal nach oben, mal nach unten. Wankelmütig bist Du, flüchtig. Ich aber suche etwas Ernstes.

Also: Wo stehen wir? Die Zeichen sind schwer zu lesen. Das Deutsche Aktieninstitut (DAI) glaubt, dass wir uns nicht nur von unseren Verletzungen erholt, sondern uns im ersten Halbjahr 2012 sogar wieder mit neuer Begeisterung aufeinander eingelassen haben. 17,1 Prozent mehr Aktionäre und Aktienfondsbesitzer als im zweiten Halbjahr 2011 soll es da auf einmal gegeben haben, hat eine Umfrage im Auftrag des DAI ergeben. Wo die allerdings alle genau stecken, das kann keiner so recht beantworten. Auch bei comdirect nicht. Bei diesem 1994 gegründeten Discount-Broker der Commerzbank erinnert man sich noch gut an unsere Hochphase Ende der neunziger, Anfang der nuller Jahre, die Direktbank hat damals ja einiges dafür getan, uns zu verkuppeln. Dass es zurzeit wieder heiß hergehen soll zwischen uns, davon allerdings hat Daniel Schneider, Abteilungsleiter Brokerage, bisher nichts bemerkt. Er schürt meine Unsicherheit sogar, wenn er daran zweifelt, "ob ausgerechnet jetzt der richtige Zeitpunkt für ein neues Rendezvous ist".

Dein Umfeld will mir immerzu einreden, dass Du vor allem langfristig für mich geeignet bist. Du seist etwas Handfestes, so wie Gold oder Immobilien. Bei aller Unzuverlässigkeit seist Du doch beständig. Du Sachwert, Du. Du würdest gut für mich sorgen, und wenn nicht jetzt, dann spätestens zum Rentenbeginn. Du seist ein wichtiges Standbein, ja der einzige Partner, der mich mit 70, 80 nicht allein- und nur mit meiner mickrigen gesetzlichen Rente dastehen ließe. Und so höre ich immer, ich könne ohne Dich fast nicht mehr sein, heutzutage. Mit der Staatsanleihe werde ich in der Tat nicht mehr glücklich. Wenn ich dieser Langweilerin heute mein Geld anvertraue, muss ich ja schon froh sein, wenn ich später gerade mal dieselbe Summe zurückbekomme. Das reicht mir nicht.

Aber soll ich bei Dir bleiben, nur weil es nichts Besseres mehr für mich gibt? Ist es jetzt schon so weit gekommen zwischen uns? Selbst beim Deutschen Aktieninstitut glaubt man nicht, dass der diagnostizierte Anstieg der Aktionäre für meine neu erwachte Liebe zu Dir spricht, sondern nur für einen Mangel an Alternativen. Du bist nicht mehr sexy, liebe Aktie, Du bist mein letzter Ausweg. Franz-Josef Leven vom DAI findet das schade, doch er glaubt, dass ich mich irgendwann doch wieder von Dir abwenden werde: "Sobald die Zinsen wieder steigen und die Inflationsängste abnehmen." Er hält unsere Beziehung "für nicht nachhaltig".

An Deiner Verlässlichkeit zu zweifeln, dafür habe ich Gründe genug. Und an den Aktienquoten der institutionellen Anleger sehe ich doch deutlich, dass auch sie Dir nicht blind vertrauen. Okay, die großen Versicherer können nicht anders, sie sind von Gesetzes wegen auf Sicherheit gepolt und dürfen sich nur beschränkt auf Dich einlassen. Dennoch bleibt mir dieses Grummeln im Bauch: Ich soll mich kopfüber in diese Liebschaft mit Dir stürzen, während Dich andere, die Dich so viel besser kennen, immer noch auf Abstand halten? Und wenn ich mich, neudeutsch, wirklich "comitte", mich also langfristig zu uns bekenne: Bringt mir das dann tatsächlich etwas? Die langweilige, aber weitgehend schmerzfreie Herangehensweise – "buy and hold", also "kaufen und halten" – kommt mir zwar vom Charakter her entgegen, weil sie kein Engagement meinerseits verlangt. "Bis dass der Tod uns scheidet" kannst Du aber an der Börse vergessen. Die Börsencharts der Vergangenheit, die nach zehn, 20 oder 30 Jahren eine praktisch sichere Rendite von acht Prozent versprechen, sind genau das: Vergangenheit. Hätte ich mich die vergangenen zehn Jahre immer nur mit Dir abgegeben, wäre ich unglücklich geworden. Ich stünde heute wieder ungefähr da, wo ich herkam. Insofern: Ja, ich bin ab und an fremdgegangen, habe Zertifikate gekauft oder ETFs, und weißt Du was: Unserer Beziehung hat das sogar geholfen.