Wenn Bruno Ganz auf der Bühne brüllt, klingt es immer so, als tue er sich selbst am meisten weh. Seine brennenden Pfeile treffen alle ihn selbst. Wenn er einen anderen verletzt, schneidet er sich auch ins eigene Fleisch. Die jungen Stars seiner Zunft nannte er einmal "Ironiker-Stars". Damit meint Ganz wohl die Fähigkeit (oder Marotte), eine Figur auf Abstand zu halten, während man sie spielt. Man gibt dem Publikum ein selbstherrliches Signal: Ich hätte auch jede andere Rolle in diesem Stück haben können. Ich hätte sie alle haben können!

So ist es bei Bruno Ganz nie. Sein Verhältnis zu einer Figur ist kein ironisches, relatives, befristetes. Wenn er eine Rolle spielt, wird jede andere im Stück für ihn unlesbar. Er schließt sich in der gewählten Figur ein, gerade so, als zöge ein Burgherr die Zugbrücke seiner Festung hoch. Er ist nun mit ihr (und in ihr) allein. Ein Flor von Einsamkeit umgibt ihn – auf der Bühne noch mehr als im Film.

Die jüngsten Theaterrollen von Bruno Ganz waren untergehende grauenvolle Patriarchen; bei Klaus Michael Grüber spielte er den Ödipus in Wien (2003) und unter Elmar Goerden den Titus Andronicus, neu gesehen von Botho Strauß, in Bochum (2006) – Ödipus, ein blinder Mörder, der gen Hades zieht mit einer Tochter, die auch seine Schwester ist; Titus, ein Schlächter, der 23 Söhne im Krieg verheizte. Auch seine größte Filmrolle der jüngeren Zeit, der Hitler in Oliver Hirschbiegels Untergang, war bei Ganz ein Übervater zum Tode, der seine unwürdigen Kinder mit in die Vernichtung reißen wollte.

Theater hat Bruno Ganz lange nicht gespielt, seit sechs Jahren nicht mehr. Nun tut er es wieder, am Odéon in Paris , unter der Regie des neuen Intendanten Luc Bondy. Und nun, vielleicht zum ersten Mal, wirkt Bruno Ganz auf der Bühne nicht unerlöst und in sich verschlossen, sondern: wehrhaft, bestialisch vital, grimmig, der Herr eines Rudels, Leitwolf unter Wölfen. Ganz spielt die vielleicht robusteste, vulgär-widerspenstigste Gestalt seiner Bühnenkarriere – Max, den bösen Vater aus Harold Pinters Stück Die Heimkehr (Originaltitel: The Homecoming; französisch: Le Retour). Wieder muss Ganz eine Festung errichten, aber in ihr ist er nicht mehr allein.

Max regiert seine Familie, als wäre sie das kleinste Königreich Englands, es umfasst genau drei Untertanen: zwei seiner Söhne, Lenny und Joey, und seinen jüngeren Bruder, Sam. Er züchtigt sie, wie es ihm gefällt, Rache hat er nicht zu fürchten, denn er sorgt ja für seine Opfer: Sie sind mit ihm verstrickt, sie decken ihn.

Dieser aggressive, grindig-tückische Mann könnte in der Welt draußen nicht bestehen, er käme nicht mal unbeschadet durch ein Pub am Freitagabend. In der Öffentlichkeit ist der Alte als mächtige Person nicht mehr vorstellbar, drinnen im Haus aber nur so – als König. Bruno Ganz spielt das herrlich: Sein Max ist der Mann mit dem breitesten Gang und dem größten Schlüsselbund, der Herr im Haus.

Dieses Haus hat der Bühnenbildner Johannes Schütz als eine Männerburg gebaut, deren Insassen einander nur gelegentlich ertragen. Überall gibt es Zeichen von Gewalt (eine mit dem Hammer eingeschlagene Wand, einen Brandfleck an der Wand) und Fluchtbereitschaft (Maxens Bruder Sam haust in einem Wohnwagen, dessen Heck in die gute Stube ragt). Aber ordentlich aufgereiht am Boden, die Spitzen zur Wand gerichtet, sieht man die Schuhe der Familie. Das Haus lebt zwischen zwei Gezeiten: Geborgenheit und Aufruhr. Es ist ein zugiger Kerker, geschaffen wie von Piranesi, aber im Boulevardgewand – verkleidet mit den Teppichen einer Komödie.