Ouvertüre: Christian Thielemann, 53, kennt man im Frack im Opernhaus. Seit diesem Jahr ist er Chefdirigent der Dresdner Staatskapelle . Er gilt als der große Konservative unter Deutschlands Künstlern: Wagnerianer, Scheitelträger, Preußenfan. Nun lässt er sich darauf ein, die Neustadt zu erkunden, Dresdens Kneipenmeile und Alternativviertel – eine Welt, in der ihn sein Publikum wohl eher nicht erwarten würde. Treffpunkt: Goldener Reiter, das Denkmal. 18 Uhr. Thielemann erscheint im Freizeitlook, in Jeans und Pulli.

DIE ZEIT : Würde Richard Wagner, wenn er heute lebte, in ein Viertel wie dieses passen? Als jemand, der subversiv war, ein bisschen rebellisch...

Christian Thielemann: Das könnte sein! Ja, vielleicht würde Wagner heute in der Neustadt wohnen. Aber luxuriös müsste die Wohnung natürlich sein. Denken Sie immer an die Seidenwäsche.

ZEIT: Die Seidenwäsche?

Thielemann: Na, Wagner, sagt man, liebte Seidenunterhosen. Der wollte den Luxus. Wenn er heute im Szeneviertel lebte, dann vielleicht in einer verborgenen Villa oder in einem sehr luxuriösen Dachgeschoss. Ohne Luxus ging es bei dem nie. Es gibt dieses tolle Zitat, das etwas unverschämt ist, mir aber sehr gut gefällt. Da sagt er: Meine Nerven sind so verfeinert, dass ich das Recht auf Luxus habe. Weil ich der Welt so viel Luxus gebe, mit meiner Musik! Sinngemäß. Heute hätte der es schwer. Es gibt eine Neidgesellschaft. Das ist ein Erbe der 68er.

Autos umtosen ihn, Lkw brummen, die Straßenbahn rattert, das ist das Konzert der Stadt, allein: Thielemann hört es nicht. Ist er in der Neustadt? Nein, in Gedanken. Bei seinem Ärger über die 68er. Diese Generation beschäftigt ihn spätestens seit der Zeit, als er 1988 das Stück »Palestrina« des lange geächteten, weil NS-nahen Komponisten Hans Pfitzner zur Aufführung brachte. Inzwischen wird es an vielen Häusern wieder gespielt, und viele Kritiker sind damit versöhnt. Damals aber war Krieg in den Feuilletons.

Thielemann: Was glauben Sie, für wen diese Deutschtümelei-Debatte die größte Quälerei war? Na, für mich! Ich stamme aus einem bürgerlichen Schlachtenseer Haushalt, in dem einfach – ja – diese deutsch-bürgerlichen Werte vermittelt wurden. Damals gab es noch all diese tollen alten Herren. Einen Karajan, einen Hollreiser, einen Klobučar, einen Stein. Diese ganzen Wagner-Recken. Und dann kam ich, so ein Kleener, Mitte zwanzig, und durfte auch! Ich bekam als junger Fritze die Chance, Wagner zu spielen! Dass ich das natürlich dann nicht mehr hergegeben habe, ist Ihnen ja wohl klar! Schwuppdiwupp war ich in einer Schiene. Und als ich 1988 diese wunderbare Platte Palestrina in die Finger bekam, war ich hingerissen. Ich hatte keine Ahnung, wer dieser Pfitzner überhaupt ist. War mir einfach schnuppe.

Nach wenigen Minuten hält sich Thielemann zum ersten Mal die Ohren zu: Der Albertplatz ist erreicht, ein Krankenwagen fährt vorbei, Sirenengeheul, zu viel fürs feine Gehör. Schauen Sie mal, Herr Thielemann: Hier beginnt das Szeneviertel! Linker Hand ein paar Punks – doch Thielemann erzählt von Londons Kritikern, die seine »Palestrina«-Aufführung bejubelten. Kaum 700 Meter gelaufen, aber schon zwei Jahrzehnte Feuilleton-Aufregung besprochen! Herr Thielemann, wir biegen jetzt in die Alaunstraße ein. Herr Thielemann?

Thielemann: Das Interessante an der ganzen Debatte ist doch, dass Toleranz eigentlich für alle gelten müsste, oder? Aber manche 68er tolerieren nur ihresgleichen. Anderen gegenüber sind die nicht tolerant. Na, da sind wir doch wieder beim Thema.

ZEIT: Der Osten müsste ein Paradies für Sie sein: Von hier stammen bekanntlich keine 68er.

Thielemann: Ja, die gibt es hier nicht. Das ist schön! Wirklich. Es gibt viele Dinge, deretwegen ich mich hier wohl fühle. Diesen ewigen Protest gegen alles und jeden, den kennt man in diesem Teil Deutschlands nicht. Zum Glück wird aber das ganze Land lockerer im Umgang mit sich selbst. Allmählich gibt es immer mehr Geläuterte, die sagen: Wir wollen nun mal gelassener werden. Wir leben doch in einer guten Zeit. Wir haben tolle Möglichkeiten.

ZEIT: Wie gut kannten Sie die DDR?

Thielemann: Ich bin oft im Osten gewesen, als Kind schon. Wir hatten Verwandtschaft in Leipzig. Ich war auch häufig in Ost-Berlin, in der Oper. Ich bin da immer langgetapert.

ZEIT: Wie hat sich das angefühlt?

Thielemann: Na: Toll! Es war doch immer mein Land. Nur auf dem Bahnhof Friedrichstraße fühlte ich mich furchtbar. Dort geht es mir noch heute nicht gut. Weil mich das tief im Innern bewegt: Wie das war, wenn man aus Richtung Wannsee ankam, wissen Sie? Man traf unten ein und ging dann diese Treppen hoch – ich sehe sie noch vor mir, diese Treppen in den Osten. Heute kannst du dort überall Würstchen kaufen. Ich will dort aber keine Würstchen kaufen.

ZEIT: Was haben Sie bei Ihren DDR-Besuchen am liebsten gemacht?

Thielemann: Das war schon das Einkaufen. 85 bis 90 Prozent meines gesamten Notenbestandes zu Hause stammen entweder aus dem Kunstsalon Unter den Linden – oder, noch viel öfter, von Hothan aus Halle. Man musste ja 25 Mark pro Person zwangsumtauschen: Mutter, Vater, Kind – da hatten Sie für jeden Tag dreimal 25 Mark unter die Leute zu bringen! Also sind wir in die Läden, und ich habe Notenblätter gegriffen, wo ich sie nur kriegen konnte: Kammermusik, Quartett, Klaviertrios, Partituren. Himmlisch. Besuche bei der Verwandtschaft waren für mich immer wie Weihnachten. Da konntest du Partituren nehmen, bis der Kofferraum platzt!

ZEIT: Der Osten hat Ihnen also schon früh viel Gutes gebracht!

Thielemann: Der Osten hat mir immer nur Gutes gebracht.

 "Ich bin kein Freund des Kumpel-Maestros"

Er läuft stoisch an extrem lauter Technomusik vorbei, an jungen Menschen, die im Schaufenster tanzen, bumm-bumm-bumm. Der Maestro redet einfach weiter. Dann, endlich, bemerkt er seine Umgebung.

Thielemann: Herrlich, diese Häuser hier. Fantastisch, dieses Gründerzeitviertel.

ZEIT: Würden Sie so ein Haus kaufen? Lassen Sie sich von der Krisenstimmung anstecken – jetzt, da alle sagen: Investieren Sie Ihr Geld am besten in Betongold?

Thielemann: Das muss ich gar nicht. Ich habe all mein Geld schon investiert. Insofern erübrigt sich das bei mir. Die Leute glauben ja immer, dass der Freistaat Sachsen mir eine geradezu traumhafte Gage zahle. Dazu darf ich sagen: Man zahlt mir eine anständige Gage, aber keine Millionen. Ich habe ein Haus in Babelsberg gekauft, außerdem bin ich ein Antiquitätenfritze. Ich habe keine Millionen auf dem Konto. Ich habe sogar noch Schulden gemacht für ein paar tolle Bilder. 

ZEIT: Welche Art von Kunst sammeln Sie?

Thielemann: Das hat sehr viel mit Berlin zu tun, mit Potsdam, Rheinsberg, mit der Mark Brandenburg , Ostpreußen. 16. bis 20. Jahrhundert. Topografisches, Porträts. Auch Grafik. Ich besitze sehr viel preußischen Frühklassizismus, 1795 bis 1830.

Stopp am Nordbad, einer Schwimmhalle. Schwimmhallen-Fan.

Thielemann: Macht Spaß, hier zu laufen! Den ganzen Tag war ich heute drin, in der Theaterbude.

ZEIT: Sie haben heute geprobt?

Thielemann: Ja. Bisschen Henze, bisschen Brahms. Wie gestern auch. Abends kam ich total fertig im Hotel an, wo ich zurzeit noch wohne. Zu meinem Glück habe ich dort ein riesiges krustiges Brot vorgefunden! Mit Butter und großem Salz. Da habe ich mindestens drei riesenhafte Stullen gegessen. Und dann irgendwann den Fernseher angestellt. Ich war früh im Bett, weil ich so müde war.

ZEIT: Wenn Sie hier durch die Neustadt laufen – bekommt man da nicht Lust, auszugehen?

Thielemann: Ja, schon. Aber jetzt hingen überall die Plakate: Thielemann in Dresden . Nun werde ich wohl öfter erkannt werden. Da dürften sich gewisse Dinge ausschließen. Allzu spezielle Vergnügungen – wenn Sie verstehen, was ich meine – sind eben nicht möglich in der eigenen Stadt.

Ab und zu sieht er auf, um zu grüßen: Offenbar wohnt die halbe Staatskapelle in der Neustadt. »Das war gerade die erste Soloflöte!« – »Oh, eine erste Violine. Hallo!«

ZEIT: Was schätzen Sie an Dresden?

Thielemann: Dass es ein ungeheures Nest der Kultur ist. Es ist eine Wundertüte. Wo Sie reingreifen, greifen Sie in Gold. Es ist wie mit allen Kronjuwelen: Sie müssen hier und da poliert werden. Es ist wie mit einem Haus. Auch ein Haus müssen Sie putzen. Die Heizung muss gewartet werden. Ich bin jetzt der Heizungswärter. Mir ist etwas anvertraut worden. Aber solch eine Orchester-Kultur wie in Dresden ist weltweit einmalig. Das sage ich mir jeden Tag. Diese Tradition, in der man hier steht, von Schütz über Weber bis Wagner!

Es geht nach links in die Kamenzer Straße. Halt vorm Herbert-Wehner-Werk: Hier wird das Andenken an den großen Dresdner Sozialdemokraten bewahrt, der 1990, im Jahr der Einheit, starb.

Thielemann: Man lechzt immer nach den großen Persönlichkeiten, aber will nicht anerkennen, dass die auch mal selbstherrlich sein können. Ich finde: Politiker müssen angemessene Privilegien haben. Das ist doch ein ganz anstrengender Beruf. Ein Brandt, ein Wehner, ein Strauß, die würden in unserer Erregungsgesellschaft über einen ganz dummen Skandal stolpern. So was wie: Der Chauffeur hat im Garten aufgeräumt! Wir leben in einer Neidgesellschaft sondergleichen.

ZEIT: Sind die Erwartungen an Politiker zu hoch?

Thielemann: Wir gehen mit Politikern zu grob um. Man will in unserem Land keinen Chef mehr anerkennen. Und da kommen wir zu meinem Beruf.

ZEIT: Haben es Dirigenten heute schwerer?

Thielemann: Ja, schon. Ich bin kein Freund des Kumpel-Maestros. Man muss Musiker in der Probe nicht anschreien oder persönlich runtermachen. Aber es gibt Fälle, in denen der Chef sagen sollte, was jetzt zu passieren hat. Sonst heißt es schnell: Der führt ja nicht! Ich kann das Orchester ja nicht fragen: Sagt mal, wollt ihr jetzt ein Ritardando spielen? Nein, es wird so gemacht. Aber ich muss am Anfang wissen: Sind wir auf einer Linie? Wollt ihr meinen Stil? Es ist wie in einer Beziehung. Ich möchte gemocht werden.

ZEIT: Zumindest das Dresdner Publikum liebt Sie schon. Ist es schön, erkannt zu werden?

Thielemann: Es ist am Anfang, wenn man das zum ersten Mal erlebt, ganz gut. Es gibt aber auch Leute, die sich einfach nicht zurückhalten können. Die Berliner sind entspannt, da kann es Ihnen allenfalls am Hummerstand im KaDeWe passieren, dass Sie einer anspricht. Wien ist aber schon relativ schwierig. In Wien lauern die einem vorm Hotel auf, hinterm Hotel, da müssen Sie manchmal aus dem Hintereingang der Oper flüchten. Am heikelsten ist es zur Festspielzeit in Bayreuth , wenn man an seinem freien Tag ins Schwimmbad geht.

ZEIT: Sie gehen in Bayreuth ins Schwimmbad?

Thielemann: Ja. Eigentlich unmöglich. Denn es gibt dann so komische Blicke: »Nein, das kann der nicht sein! Der geht hier doch nicht in die Sauna!« Das Beste ist dann oft, sich auszuziehen, ganz ungeniert weiterzugehen. Dann sagen sich die meisten: Nee, ditt ist der bestimmt nicht! Na dann isses ja gut.

ZEIT: Aber die Dresdner...

Thielemann: ...sind bisher ziemlich nett! Trotzdem: Ich bin lieber unerkannt. Das ist ja einer der Gründe, warum ich heute so angezogen bin. Weil mich die Leute in so einer Luder-Kleidung nicht erkennen! Schlabberige Jeans, Ringelpullover – da sagen die sich: Neeee. Wer soll das denn sein.

Thielemann ist betont leger angezogen. Er trägt blaue Netzschuhe, vom Design irgendwo zwischen Gummi- und Cowboystiefeln. Dazu blaue Jeans, einen weißblauen Pulli. Mit Querstreifen. Der Scheitel sitzt ganz ohne Wachs. Er hat Hunger.

Thielemann: Wissen Sie, ich wär für was Pikantes.

Es geht in ein türkisches Lokal. Dort beginnt großes Stühlerücken, auf der Suche nach dem besten Platz. Thielemann dirigiert, natürlich. Dann greift er zur Karte.

Thielemann: Türkisch finde ich ja ganz toll. Türkisch gehe ich gerne essen. Mit Joghurt und Fleisch! Oh, hier ist was für mich! Hackspieß mit Joghurt. So muss es sein. Das ist gut. Schon erledigt. Ich nehme die 43! Und davor hätte ich gern für uns alle die 24, diese Teigröllchen mit Käse.

Warten aufs Essen: Thielemann zeigt auf dem iPhone Fotos seines Urlaubs in den Masuren.

Thielemann: Toll finde ich diese Weite des Ostens... Wir sind ja alle um den Osten betrogen worden! Man kam da als Wessi nicht hin. Und die, die im Osten waren, sind auch nicht so viel rumgefahren. Aber jetzt haben wir die Möglichkeit. Sie müssen mal mit dem Auto über die Oder, auf der ehemaligen Straße 1 in Richtung Danzig, irgendwann kommen Sie zum Fluss Nogat in der Nähe von Marienburg. Und mit einem Mal werden die Wolken größer! Auf einmal haben Sie das Gefühl, dass alles imposanter und noch imposanter wird. Wissen Sie, wie mich das beeindruckt? Immer wieder! Diese Landschaft ist so toll. Was Sie dort sehen, ist für mich Ostpreußen. Wenn Sie da eine Allee befahren, aus 250 Jahre alten Bäumen, dann wissen Sie, was Schönheit ist. Das haben Sie weder in West-, noch in Mitteldeutschland, das haben Sie nur da.

 "89 hat unser aller Leben verändert"

ZEIT: Der Mauerfall hat nicht nur den Ostdeutschen neue Welten eröffnet?

Thielemann: Nein, den Westdeutschen genauso! In jedem Fall. Na klar! Die meisten merken das nur nicht. Aber daran sind sie selbst schuld.

ZEIT: Haben Sie sich einmal ausgemalt, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie in der DDR aufgewachsen wären? Immerhin sind Sie nur ein paar hundert Meter von der Mauer entfernt in West-Berlin geboren worden.

Thielemann: Na ganz bestimmt auch ein Musiker. Andererseits: Ich weiß nicht, vielleicht hätte ich meine Schnauze nicht halten können. Vielleicht wäre man aber auch anders aufgezogen worden von zu Hause, nach dem Motto: Halt deinen Rand! Aber ich bin ja so ein Frecher. Ich bin ja wirklich frech. Frech mit Stil! 

ZEIT: Waren Sie nicht auch manchmal zu frech?

Thielemann: In der Sache, fand ich, hatte ich immer recht – aber ich war unverschämt. Ich habe nie protestiert zu Hause. Später war meine Form des Protests, dann eben noch einen Pfitzner zu spielen. Ich bin in der Schule aus dem Religionsunterricht geflogen, weil ich so schräg war, aber ich war nicht politisch. Es war keine Zeit dazu. Ich habe ein altsprachliches Gymnasium besucht, nebenher Klavier und Bratsche gespielt. Die Leute fanden das gut. Mir machte das Spaß, ich wusste vor allen anderen in der Klasse, was ich werden sollte. Ich war auf dem Berufstrip. Wieso sollte ich da protestieren? Hätte mich doch nur aufgehalten.

ZEIT: Nach dem Abitur haben Sie gleich an der Deutschen Oper angefangen.

Thielemann: Ich fühlte mich damals bombig. Die Zweifel kamen später, da habe ich mir gedacht: Du hättest ja auch irgendwann noch etwas anderes machen können. Ein Schritt hatte sich eben aus dem anderen ergeben. Die Dinge haben immer mich gesucht. Berlin suchte mich, München suchte mich, pikanterweise war es mit Dresden genau dasselbe.

ZEIT: Dresden hat Sie gesucht in einer Zeit, als das Verhältnis zwischen Ihnen und dem Orchester in München schwierig geworden war, als man Sie dort mit einer Vertragsverlängerung hinhielt...

Thielemann: Einer der befriedigendsten Momente war, als der Vorvertrag in Dresden unterschrieben war – was in München keiner ahnte. Meine Assistentin ging dort zum Intendanten, um ihm meinen Wechsel zu eröffnen. Gleichzeitig rief ich beim Kulturreferenten an. Und Dresden verschickte eine Pressemitteilung. Für mich war das eine große Befriedigung. Ich bin froh, dass sich Sachsens Regierung sehr bewusst ist, wie wichtig die Kultur ist für dieses Land.

ZEIT: Wie verstehen Sie sich mit Sachsens Ministerpräsidenten, Stanislaw Tillich ?

Thielemann: Wir verstehen uns sehr, sehr gut. Wir sind ja im gleichen Alter: nur zehn Tage auseinander. Auch der Neo Rauch ist nur etwas älter. Wir sitzen manchmal alle zusammen. Mit Neo Rauch kann man sich wunderbar unterhalten. Ein ausgesprochen feinfühliger und ganz klarer Mensch. Das gefällt mir so sehr. Und Tillich ist auch unheimlich angenehm. Ich habe ja keine Ahnung von seinem Beruf – ich versuche aber, etwas zu lernen: Man sitzt dann am Abend schnell vier, fünf Stunden zusammen und unterhält sich gut. Unser Alter, gerade 50, gefällt mir. Wir sind noch jung, aber nicht mehr so blöd.

ZEIT: Haben Sie bei den gleichaltrigen Ostdeutschen, bei Rauch und Tillich, das Gefühl: Die sind anders als Westdeutsche?

Thielemann: Ja, die sind anders. Vielleicht weil Sie manchen sinnlosen Kampf nicht gekämpft haben, diese Kämpfe gegen alles und jeden.

ZEIT: Können Sie mit den »89ern« etwas anfangen?

Thielemann: Ich bin auch ein 89er. Wir sind alle durch 89 umgekrempelt worden. 89 hat unser aller Leben verändert, in Ost wie West.

Ich bin lieber unerkannt. Das ist ja einer der Gründe, warum ich heute so angezogen bin. Weil mich die Leute in so einer Luder-Kleidung nicht erkennen!

ZEIT: Der damalige Bürgerrechtler mit dem Rauschebart ist phänotypisch doch nicht gerade das, was Ihnen nahesteht.

Thielemann: Doch, der steht mir nahe, weil ich hinter die Kulissen gucke. Aussehen ist unwichtig. Der Anzugträger muss nicht der feine Pinkel sein, und der Schlabberhosenträger muss auch nicht der Unangepasste sein. Phänotypen sind mir nicht wichtig.

ZEIT: Wie wichtig ist Aussehen im Klassikbetrieb?

Thielemann: Leider nehmen es viele viel zu wichtig. Mir hat man ja jahrelang nachgesagt, dass ich nicht elegant genug sei. Das stimmt, weil ich kein Augenmerk auf allzu oberflächliche Eleganz gelegt habe. Ich kann auch mit diesen Geigenbarbies und Celloschönlingen nichts anfangen. Ich kann nur was mit denen anfangen, die gut sind. Mittlerweile ziehen sich die Mädels beim Geigespielen immer weniger an. Manchmal sehen Sie Fotos, da wissen Sie nicht: Posieren die für einen Softporno? Ich glaube aber, die Leute haben jetzt schon die Schnauze voll davon. Oder?

Jetzt hat sich Thielemann in der Neustadt, diesem Rabaukenviertel, eine blutige Nase geholt: Das Essen ist inzwischen da, es schmeckt ihm vorzüglich, aber die scharfen Gewürze hat er unterschätzt: Der Maestro bekommt Nasenbluten. Ihn kann das nicht aus der Fassung bringen. Das habe er öfter mal, sagt er. Das gehe vorbei.

ZEIT: Für den Schriftsteller Elias Canetti war der Dirigent der Inbegriff des mächtigen Menschen.

Thielemann: Das stimmt. Was glauben Sie, was das für ein Gefühl ist? Kein Machtgefühl, aber ein tolles Gefühl, wenn Sie wissen: Wenn ich jetzt anfange, beginnen die Meistersinger . Ditt ist schon watt. Aber Macht ist es wirklich nicht. Manchmal habe ich so große Angst. Ich kann furchtbar nervös sein. Komischerweise macht es mich aber ruhig, wenn die anderen nervös sind. Dann werde ich eiskalt. Weil ich denke: Ich muss euch jetzt beschützen.

ZEIT: Ist das Publikum ungerecht, weil es solche Schwächen nicht akzeptiert?

Thielemann: Wenn das Publikum wüsste, welche Angstszenen sich auf den Gängen eines Opernhauses abspielen! Wenn berühmte Tenöre von der Toilette geholt werden müssen vor der Tosca, weil sie so einen Schiss haben. Und dann singen die plötzlich wie die Götter. Es ist wahnsinnig schwer, vor dem Publikum zu bestehen. Deshalb habe ich auch so Respekt vor diesen Volksmusiksängern.

ZEIT: Vor den Volksmusiksängern?

Thielemann: Ja! Weil das Publikum dort begeistert ist! Das Publikum ist eine Bestie. Wer es zufriedenstellt, hat etwas geleistet! Ich sage nicht, dass ich zu Hause die Wildecker Herzbuben hören muss. Aber ich finde es eine bodenlose Arroganz, sich darüber zu erheben. Howard Carpendale, Roberto Blanco, Helene Fischer – die verdienen sich krumm und krümmlich. Und in deren Publikum sitzen keine Doofmänner. Das sind Ingenieure, das sind Bauarbeiter, da sitzt die Hausfrau neben dem Oberstudiendirektor. Ein ganz breit gefächertes Publikum!

 "Das Publikum hat ein Gespür dafür, ob einer seine Leistung bringt"

ZEIT: Schauen Sie die Feste der Volksmusik?

Thielemann: Ja! Natürlich! Auch aus professionellem Interesse. Manchmal drehe ich den Ton ab und schaue einfach nur, wie toll die sich bewegen. Das ist knallhart! Das absolute Profitum. Andrea Berg zum Beispiel: Die macht ja richtig auf verrucht. Da guck ich mir an, wie die sich bewegt. Wie die ins Publikum schaut! Das ist hoch professionell. Da fiebert man richtig mit: Jetzt schaust du in die Kamera, Mädchen, dann in die Kamera daneben, ja, Mensch, toll! Dann legt sie sich was um den Hals, einen Schal vielleicht. Und die Haare, wie reizend sind die gemacht! Herrlich! Ich glaube, dass das Publikum ein untrügliches Gespür dafür hat, ob einer seine Leistung bringt. Ich sehe da ein Publikum, das angetan ist – und das spüren Sie als Dirigent!

ZEIT: Sie sind ja richtig begeistert...

Thielemann: Ja klar. Die Mary Roos würde ich gerne mal treffen. Die würde ich so gerne mal fragen: Wie schaffen Sie das seit 50 Jahren mit der guten Laune? Wie macht ihr das, wenn ihr in der Stadthalle sitzt, und die Luft ist so trocken? Rex Gildo hat sich aus dem Fenster gestürzt, weil er diese Fröhlichkeit nicht mehr hingekriegt hat. 

ZEIT: Es heißt ja, im Osten liebten besonders viele die Volksmusik. Können Sie sich das erklären?

Thielemann: Ich kann nur spekulieren – vielleicht ist es das, was auch die Heimatfilme nach dem Krieg so erfolgreich gemacht hat. Die Leute waren geflohen, hatten die Bombennächte noch im Kopf. Natürlich gucken die keine Katastrophenfilme! Die gucken den Förster von der Silberalm. Die Alm blüht und alles ist schön. Und vielleicht ist das, in Ansätzen, ein Phänomen, das jetzt auch die hiesige Bevölkerung betrifft: In der älteren Generation, die durch die Wende gebeutelt war – da hat sich vielleicht mancher gesagt: Aber in der Volksmusik ist noch alles schön! Da ist die Liebe auf der Alm. Das ist wie beim Heimatfilm.

Der Wirt bringt die Rechnung. Er komme wieder, verspricht Thielemann. Jetzt aber soll es erst mal in eine Bar gehen, zum Abschlussgetränk. Dort bestellt der Künstler den Mai Tai II. Es ist 21.30 Uhr.

ZEIT: Ihr Zuhause ist in Babelsberg. Im Jahr 2005 haben Sie eine marode Villa am Griebnitzsee gekauft und sanieren lassen. Viele packt dann ein bisschen die Handwerkslust. So einer sind Sie nicht, oder?

Thielemann: Doch, doch! Ich mache vieles selber! Ich beaufsichtige meinen Heizungsmonteur, den Gärtner, die Putzfrau, ich lasse die nicht rein, wenn ich nicht da bin!

ZEIT: Sie beaufsichtigen Ihre Putzfrau?

Thielemann: Na, was denken Sie denn! Da stehen so viele Sachen herum. An die Bilder darf sie gar nicht. Ich lasse sie auch nicht die Teppiche hochklappen – hinterher kämme ich die Fransen alle selber. Nein, die Putzfrau wird beaufsichtigt. Und wenn der Bilder-Aufhänger kommt und bohrt, dann nehme ich den Staubsauger und halte den von unten fest! So was will ich selbst machen. Ich brauche Bodenhaftung. Ich komme nach Hause und bin bodenbehaftet.

ZEIT: Weil die Musikwelt so künstlich ist?

Thielemann: Ja! Diese Musikwelt ist eine andere Welt. Ich muss wieder nach Hause kommen. Ich gucke meine Kontoauszüge alle selber an. Ich weiß genau Bescheid über meine Finanzen. Ich packe meinen Koffer selbst, ich falte mir meine Unterhemden selbst zusammen – keiner packt meinen Koffer! Nur ich! Was denken Sie denn. Ich weiß genau, was in meinem Koffer eingeschichtet ist. Da geht keiner ran. Das Einzige, was ich nicht selber mache, ist Wäsche waschen. Aber ich nehme mir die Sachen selber von der Leine.

ZEIT: Und packen Sie auch selbst an, wenn etwas repariert werden muss?

Thielemann: Mit den Händen nicht, das geht nicht. Aber ich kümmere mich detailliert darum. Ich fahre zu meiner Gemälderestauratorin und zum Rahmenhändler, ich suche mir die Rahmen selbst aus. Es geht mir um das normale Leben – das ist ja das, was der Künstler oft nicht hat. Viele Künstler können weder mit Geld umgehen, noch sind sie geschäftsfähig. Wenn Sie bei diesen Feinheiten einer Brahms-Symphonie und dem Edelhotel in Tokio mitreden können – alles schön! Aber ich komme gerne nach Hause und freue mich auf das Krustenbrot und den Himbeerjoghurt zum Frühstück! Ich freue mich auf die grobe Mettwurst! Na, diese Sachen eben. Dann taucht man ein in die Welt der Normalos.

ZEIT: Was tun Sie gerne in der Welt der Normalos?

Thielemann: Na, ganz normalo. Keine Musik. Ich komme ohne Musik aus. Ich studiere morgens etwa zwei Stunden, und dann bin ich in der Welt der Normalos. Mit der Putzfrau. Mit dem Gärtner. Aber ohne Musik, wie gesagt. Ich kann mich auch nicht entspannen bei Musik. Ich muss Musik nicht lange haben.

ZEIT: Sind Sie notorischer Villenbesitzer, wie Thomas Mann ?

Thielemann: Das bin ich! Ich bekenne mich zum Bürgertum und zur Villa. Ich finde einfach, dass das schön ist. Guter Wein, gute Musik, tolle Orchester. Meine herrliche Kunstsammlung.

ZEIT: Sie passen nach Dresden?

Thielemann: Ja, vielleicht passe ich einfach hierher.