Im Jahr 1968 bat der Pariser Cineast Bernard Eisenschitz den berühmten Filmregisseur Fritz Lang, geboren 1890 in Wien, seine Erinnerungen an seine Heimatstadt für ein Buchprojekt niederzuschreiben. Die Antwort wurde nie gedruckt. Nun hat sie Viennale-Direktor Hans Hurch entdeckt und veröffentlicht sie im Rahmen der Fritz Lang-Retrospektive des Wiener Filmfestivals.

Es ist heute schwer vorstellbar, dass man in einer Zeit lebte, wo es seit 40 Jahren Frieden gab. In den zweitletzten Klassen der Realschule gab es eine geheime Pseudo-Burschenschaft, die die schlagenden Studentenverbindungen der deutschen Burschenschaften mit Mensuren, Salamanderreiben und Biertrinken in einem kleinen Wirtshaus nachäfften. Sie nahm unter ihren Mitgliedern keine jüdischen Mitschüler auf und predigte laut, dass das Land der Verheißung Deutschland hieße ...

Ich reifte damals langsam heran ohne natürlich den tieferen Sinn oder Unsinn der eben beschriebenen Tatsachen wirklich zu erfassen. Ich wurde in dieser Zeit ein begeisterter Anhänger des Schriftstellers Karl Kraus, besuchte all seine öffentlichen Vorlesungen und verschlang mit Begeisterung die von ihm herausgegebene rot eingebundene Fackel . In der verlängerten Kärntnerstraße, zwei Häuserblöcke über den Ring hinüber, war die Buchhandlung Richard Llany, bei dem man die Fackel erstehen konnte, und der von mir ein gezeichnetes Porträt von Karl Kraus erwarb, das er als Ansichtskarte herausgab. Karl Kraus hat mir dieses Porträt nie vergeben, er war ein sehr eitler Mensch.

Ich lernte den schnauzbärtigen Dichter Peter Altenberg kennen, dessen Leben eine einzige Verherrlichung von Frauen war, und der in einem winzigen Zimmerchen in einem kleinen Hotel lebte.

Und dann traten die Frauen selber in mein Leben. Ich hatte schon früher einige Affären gehabt, ich war ein sehr frühreifer Mensch, und die Wiener Frauen waren die schönsten und großzügigsten der Welt. Sie waren wunderbar angezogen, man traf sich versteckt in den Wiener Caféhäusern, gab sich ein abendliches Rendezvous, während der großen Pause in einem der Wiener Theater, oder traf sich »zufällig« nach 11 Uhr abends in einem Cabaret oder Nachtlokal.

Damals nannte man Wien eine Konditorei am Rande des Balkans. Wien, eine Märchenstadt, die nur für den Augenblick lebte, sorglos, unbekümmert um das, was in der Welt vor sich ging, und die von einer unvorstellbaren Süße war.

Die vierzig Jahre Frieden, deren sich Österreich erfreut hatte, hatten uns alle verwöhnt und wir hatten das Empfinden, Krieg müsste eigentlich polizeilich verboten sein ...

Ich begann Zeitungen zu lesen, aber was verstand ein junger Mensch damals schon, wenn berichtet wurde, dass der englische Außenminister Sir Edward Grey gesagt hatte, dass in Europa die Lichter ausgegangen wären. Die Zeitungen druckten nur, was ihnen von oben her erlaubt war und stellten alles so dar, als ob der Krieg ein Spaziergang sein würde, und so schlenderte der Wiener, fast möchte ich sagen »vergnügt«, in den Krieg hinein.

Der äußere Anlass des Krieges war die Ermordung des Thronfolgers Karl Ferdinand in Sarajewo (tatsächlich: Franz Ferdinand, Anm.). Es war merkwürdig. Der Österreicher liebte seinen Kaiser und wenn er von ihm sprach, nannte er ihn nur noch liebevoll »der alte Herr«, und der Akzent lag auf dem »Herr« nicht auf »alte«. Aber trotzdem machte nach der Ermordung des Thronfolgers ein bösartiger Witz die Runde. Man erzählte sich, aber in einem Ton, der von vorneherein klarmachte, dass das Erzählte völlig unwahr wäre, dass der alte Kaiser, als er von dem Tode Karl Ferdinand’s Kunde erhielt, gesagt haben soll: »Mein’ Sohn hab’ns derschlagen, mein’ Frau hab’ns derstochen, den Ferdinand hab’ns derschossen – a, wenn i’ nur mei’ Rindfleisch hab’.«