Es macht einen stutzig, wenn man selbst an jenem Ort, an dem die Spezialisten für Krankenhausinfektionen sitzen, nicht vor Infektionen geschützt ist. Unter dem Dach der Berliner Charité befindet sich das nationale Referenzzentrum für die Überwachung von Infektionen in Krankenhäusern. Anfang Oktober starb dort ein Säugling an einer bakteriellen Infektion, ein weiteres Kind erkrankte schwer. Sieben Frühgeborene sind infiziert, und bei 16 gesunden Babys fanden die Ärzte ebenfalls den für Säuglinge gefährlichen Darmkeim Serratia marcescens.

Nach ähnlichen Ausbrüchen in Mainz, Leipzig und vor allem Bremen stellen sich zwei Fragen: Nehmen die Todesfälle auf Säuglings- und Frühgeborenenstationen zu? Und wenn ja, liegt dies an Schlamperei, oder ist es die unvermeidliche Nebenwirkung einer erfolgreichen Frühgeborenenmedizin?

Ob die Säuglings- und Frühchensterblichkeit durch Infektionen zunimmt, ist nicht leicht zu beantworten. Es gibt ein zentrales Register namens NEO-KISS, das Infektionen auf solchen Stationen erfasst. Zumindest dort zeichnet sich keine Zunahme ab. Ob es häufiger zu richtigen Epidemien auf den Frühchenstationen kommt, ist indes noch nicht bekannt, weil erst mit dem neuen Infektionsschutzgesetz aus dem vergangenen Jahr solche Ausbrüche zentral registriert werden.

Schon jetzt lässt sich aber feststellen, dass die Ansteckungsgefahr ganz allgemein in deutschen Krankenhäusern nicht so groß ist wie häufig in den Medien dargestellt. Nach einem Bericht des Robert Koch-Instituts stehen deutsche Krankenhäuser im europäischen Vergleich gut da. Seit 1974 haben die Infektionsfälle nicht zugenommen – und das, obwohl heute vermehrt immungeschwächte Patienten in den Hospitälern behandelt werden. Zumindest in dieser Hinsicht ist es günstig, dass gewöhnliche Patienten heute sehr viel kürzer im Krankenhaus liegen als früher. Denn kürzere Krankenhausaufenthalte vermindern das Ansteckungsrisiko.

Frühchen aber bleiben lange im Krankenhaus und sind besonders gefährdet. So hart es klingt: Auch in Zukunft werden Frühchen durch Infektionen sterben. Das ist unvermeidlich. Aber wenigstens ließe sich die Ausbreitung der Keime auf den Stationen noch besser eindämmen. In der Zeit, bevor es Antibiotika gab, war Separation der infektiösen Patienten das probate Mittel. Sollten also besonders immunschwache Frühchen nicht ähnlich isoliert behandelt werden wie frisch Knochenmarktransplantierte?

Aus zwei Gründen ist dies nicht sinnvoll. Erstens brauchen Frühchen die Wärme und Nähe der Eltern. Zweitens hat sich gezeigt, dass nicht so sehr die räumliche Trennung über Ansteckung und Ausbreitung der Infektion entscheidet, sondern ob die Kleinen von separiertem Personal betreut werden. Folglich müsste es Mitarbeiter geben, die sich ausschließlich um die empfindlichsten Patienten kümmern.

Genau daran hapert es. Die Personaldecke ist dünn. Fast nirgendwo in Deutschland gibt es auf Frühchenstationen ausreichend Schwestern und Pfleger. In den Krankenhäusern fehlen Fachkräfte und Fachärzte für Hygiene, nur langsam wird sich das bessern. Dieser Mangel aber unterläuft, das zeigen viele Zwischenfälle, selbst ausgefeilte Hygienekonzepte und den Willen, diese auch anzuwenden.