Diesem Buch wurde in deutschen Journalistenkreisen mit geradezu programmatischer Verliebtheit entgegengefiebert. Eine Situation wie auf dem Schulhof, wenn alle Mädels für den einen Austauschschüler aus Amerika schwärmen und sich in ihren Liebesbekenntnissen gegenseitig überbieten. Das Buch war noch gar nicht auf Deutsch erschienen, als die Kollegen bereits darüber redeten wie über einen festen Begriff, eine historische Größe oder das Urmeter in Paris. Geschrieben hat es der amerikanische Reporter John Jeremiah Sullivan. Wobei "geschrieben" die Sache nicht genau trifft. Pulphead fasst einfach ein gutes Dutzend seiner besten Sachen zwischen zwei Buchdeckel. Dass man in Deutschland über dieses Buch nicht wie über ein anregendes Buch mit sehr guten und originellen Reportagen redet, sondern wie über einen messianischen Vorschein dessen, was im Journalistenhimmel, wenn alle Erdenschwere abgelegt ist, dereinst möglich sein könnte, das muss etwas mit der deutschen Situation zu tun haben. Mit einer Art Reportage-Komplex. Also mit dem Grundgefühl, dass man als scharfsinniger Rezensent hierzulande ganz gut aufgehoben ist, als Reporter allerdings lieber mit einem amerikanischen Pass zur Welt gekommen wäre.

Man fragt sich ja oft, wenn man gerade wieder einen ganzen gemütlichen Sonntag auf dem Sofa liegend mit dem New Yorker in der Hand verbracht hat, ob die amerikanischen Kollegen einfach besser schreiben oder ob dort eben eine andere Reportage-Kultur herrscht mit weniger sterilen Genre-Gesetzen und mehr erzählerischen Freiräumen, in denen ein unkonventioneller Blick auf das Leben möglich ist. John Jeremiah Sullivan ist ohne Frage ein sehr begabter Autor, aber er profitiert eben auch in hohem Maße von Amerika, dem Reportageland der unbegrenzten Möglichkeiten.

Im deutschen Journalismus gilt der Gebrauch der ersten Person Singular als narzisstische Selbststilisierung, ihre Vermeidung um jeden (formulierungsakrobatischen) Preis umgekehrt als objektivierende Zivilisationsleistung. In Amerika sieht man das genau umgekehrt: warum verschleiern, dass hinter einem Text keine objektive Erzählinstanz, sondern ein beobachtendes, gar teilnehmendes Ich steht? Die meisten Dinge im Leben, die etwas bedeuten, passieren in der Begegnung zwischen zwei Menschen. Das ist auch bei einer Reportage oder einem Porträt nicht anders. Wenn nun aber die Figur, auf deren Äußerungen und Verhaltensweisen der Porträtierte die ganze Zeit reagiert, die er auf den Arm nimmt, umschmeichelt oder abblitzen lässt, um der Illusion der Bescheidenheit willen unsichtbar gemacht werden muss, geht das Schönste mitunter verloren.

Sullivan gibt sich keine Mühe, die eigene Person aus seinen Texten herauszuhalten. Es ist John Jeremiah Sullivan, wie er die Welt sieht: ein einfühlsamer junger Mann mit einer konkreten Biografie (1974 in Kentucky geboren, melancholischer Südstaatler durch und durch), einem bestimmten Musikgeschmack, einer großen Affinität zur Populärkultur und einer leichten Schwäche fürs Kiffen. Wenn er über Disneyworld schreibt, dann erleben wir ihn, wie er mit Frau, Tochter und Freunden nach Florida zum Familienausflug aufbricht und den Vergnügungspark nach unbewachten Nischen absucht, in denen sich ein Joint rauchen lässt. So entsteht ein ziemlich präzises Bild vom Überwachungstotalitarismus der Spaßgesellschaft.

Und wenn Sullivan etwas über die bewusstseinsverändernden Wirkungen von Fernseh-Soaps schreibt, dann am Beispiel seines eigenen Hauses in North Carolina, das er über zwei Jahre in regelmäßigen Abständen als Drehort für die Teenager-Serie One Tree Hill vermietet hatte, um seine Hypothek abzubezahlen. Wie lebt es sich in den eigenen vier Wänden, während die Fans der Serie angepilgert kommen, weil es für sie das Haus des Serienstars Peyton Sawyer ist? Am Ende (Sullivan hat das Filmteam, das sein Leben aufzufressen begann, längst zum Teufel gejagt) fragt ihn seine fünfjährige Tochter: "Sind wir jetzt gerade im Fernsehen?!" Sullivan kann nur verzagt antworten: "Ich glaube nicht."

Einmal besucht Sullivan das größte Musikfestival für christlichen Rock. Würde man die jugendlich-evangelikalen Jesus-Jünger mit dem Kamerablick der dritten Person einfangen, sie erschienen nur wie nervige Dumpfbacken mit schlechtem Musikgeschmack. Weil aber Sullivan die Gemeinschaft mit ihnen gesucht hat, weil sie ihn erst misstrauisch beobachten, als sie begreifen, dass er als Journalist da ist, weil sie ihm dann aber doch vertrauen, weil sie also mit Sullivan eine Geschichte erleben, gewinnen sie menschliche Tiefe. Und so kommt es am Ende zu diesem Dialog: "›Hey Mann, falls du über uns schreibst, kannst du mir einen Gefallen tun?‹ – ›Klar‹, sagte ich. ›Schreib, dass wir Gott lieben‹, sagte er. ›Schreib meinetwegen, dass wir einen Knall haben, aber schreib auch, dass wir Gott lieben.‹" Und plötzlich sind wir gerührt.

Das Ich macht auch eine natürliche Leseransprache möglich – ein Mittel, das Sullivan immer wieder einsetzt. Manchmal lullt er den Leser in scheinbare Konsistenzen und Erwartbarkeiten ein. In seiner Reportage über "den Miz", einen von Sullivan verehrten Helden des amerikanischen Big Brother- Pendants The Real World, fragt Sullivan diesen, ob ihn sein Leben nicht fertigmache. Der Miz – von Girls umschwärmt und immer feiernd – wiegelt ab, indem er auf Äußerlichkeiten (vernünftig-maßvollen Konsum von Alkohol) zu sprechen kommt, er habe das schon alles im Griff. Der Leser denkt: Aber darum geht es doch gar nicht. Hey, du lebst doch in einer total künstlichen Welt! Und dann liest er weiter: "Aber was ist mit deiner Seele?" Genau, denkt der Leser, das hätte ich den Miz jetzt auch gefragt: "Wie schützt du deine Seele?" Und während man noch mit dem eigenen Kopfnicken beschäftigt ist, kommt der nächste Sullivan-Satz: "Ha, reingefallen! Das habe ich ihn nicht gefragt."