Da steht sie, in ihrem eleganten, fließenden, safrangelben Gewand, Fußspitzen nach außen gedreht, den Kopf leicht geneigt. Die Hände hat die kleine Frau in einem üppigen Schal vergraben, der den Ausschnitt umrundet und sich vor dem Busen verschlingt zu einer blauen Woge. Alles an dieser Dame ist gerundet, das süße Mondgesicht, die gewölbten Augenbrauen, die mützenartig über die Ohren fallenden Haare, von denen einige oben auf dem Kopf zusammengenommen und zu einer weichen Schlinge über der Stirn drapiert sind. Dieser Frisurenstil ist typisch für die elegante Dame der chinesischen Tang-Dynastie (618 bis 907), und aus dieser Zeit stammt sie auch, die Lady in Gelb. Etwa 8. Jahrhundert, sagt der Auktionskatalog von Nagel in Stuttgart, wo sie am 2. November versteigert wird: glasierte Tonfigur, 39 Zentimeter, Los 994, Schätzpreis 55.000 Euro.

Die Herrschaft der Tang-Dynastie wird heute als eine goldene Ära betrachtet. Sie erstreckte sich über bis zu 80 Millionen Menschen, die Hauptstadt, Chang’an, heute Xi’an, war damals die größte Stadt der Welt. Die kriegerische Überlegenheit der Dynastie ist Legende, aber auch die kulturelle Blüte, die das Reich entfalten konnte. In der Malerei findet sich eine bisher nicht bekannte, mit einzelnen Künstlern verbundene Finesse. Geschichtsschreibung wurde eine eigene Disziplin. Die Lebenskunst gewann Raum, wie es in guten Zeiten möglich ist, wenn natürlich auch nur in städtischen, wohlhabenden Kreisen. Bedrohung kam nur von einer Frau, am 8. Oktober 690 putschte Madame Wu Zetian und wurde die erste Kaiserin Chinas.

Von einer solchen Gefahr sieht man hier nichts. Nichts Beängstigendes ist an dieser Gestalt. Die kleine Frau war vielleicht eine der gerühmten Kurtisanen, die es verstanden, Männer mit Gedichten, Liedern, ein wenig Alkohol zu unterhalten. Das Kobaltblau ihres Schals war eine damals teuere Farbe, die Statue wahrscheinlich das Eigentum von jemandem, der gut betucht war. Und sie? Wirkt ergeben, gleichzeitig in sich ruhend, ja so vollkommen ausgeruht wie ein frisch aufgeschütteltes Federkissen. Was geht ihr wohl durch den Kopf? Ein neuer Vers? Eine hübsche, dazu passende Melodie? Überlegt sie, ob sie das Kleid für den Abend noch einmal aufbügeln lassen soll? Wie sie es anstellt, des Nachts jemanden heimlich zu treffen? Tatsächlich: Man weiß es ja nie. Das macht ihren Reiz aus.