Die Revolution findet nicht statt. So lautet die Botschaft aus dem Reich des Bücherstaubs, aus den Räumen der Berliner Galerie Gerda Bassenge, deren Buchauktionen vergangene Woche über die Bühne gingen. Mag mit E-Books und Lesegeräten kommen, was da will: Das alte, gedruckte Buch wird bleiben, bis in alle Ewigkeit. Schließlich sind selbst zerlesene Exemplare von Schundromanen aus den Leihbibliotheken des 19. Jahrhunderts nicht nur verkäuflich, sondern heiß begehrt.

Man schaue sich etwa den Fall von Johann Ernst Benno an, auch der pommersche Walter Scott genannt. Sein Buch Die stille Abtei konnte zwar dem Titel nach nicht mit Gustav Bertholds Krakauer Kloster-Geheimnisse, oder die lebendig begrabene Nonne konkurrieren. Und die Jenaische Allgemeine Literatur-Zeitung war anno dunnemals auch nur mäßig freundlich, als sie schrieb, dass Benno "unter den Dichtern und Erzählern zweiten Ranges eine der ersten Stellen gebühre". Auf 120 Euro geschätzt, brachte das Buch dennoch 220 Euro ein. Heißt das nicht: Wer noch ein aus dem Leim gehendes Ken-Follett-Taschenbuch im Regal stehen hat, sollte es zum Wohle seiner Erben spornstreichs hinter Glas stellen? Und muss man daraus nicht folgern, dass ein Verlangen nach Buchdeckeln in welcher Form auch immer geradezu eine anthropologische Konstante bildet?

Eine Buchauktion bei Bassenge ist jedenfalls eine feine alte Sache. Ihr 50. Firmenjubiläum begeht die Galerie zurzeit in der efeuumrankten Grunewald-Villa, und der Mitarbeiter am Kaffeeausschank schätzt, er sei seit 40 Jahren dabei. Spurlos ist aber die Zeit auch an Bassenge nicht vorübergegangen. Der Markt für Bücher ist nicht mehr derselbe. Gewandelt habe er sich wie die Gesellschaft, deren Abbild er ist, sagt Markus Brandis, der für Bücher zuständige Geschäftsführer bei Bassenge. Die berühmte Schere: Sie klafft neuerdings auch auf dem Buchmarkt auseinander. Durch eBay, Amazon und ZVAB, das elektronische Verzeichnis antiquarischer Bücher, durch totale Vergleichbarkeit und ständige Verfügbarkeit sind Ausgaben, die früher 200 bis 300 Euro einbrachten, auf 20 bis 30 Euro abgestürzt. Was früher die fette Mittelschicht des Marktes bildete, ist plötzlich Trash. Zudem hält sich einer der großen Akteure, der viel im mittleren Preissegment gekauft hat, zusehends zurück: die großen staatlichen Bibliotheken. Sie verfügen kaum noch über ein Budget.

Gleichzeitig strömt immer mehr Geld in die höheren Preissegmente. Gold ist halt schon teuer, Aktien und Immobilien sind auch nicht mehr, was sie waren, und so ist das ewig nach Anlagemöglichkeit suchende Kapital nun bei Büchern und Schriften angelangt. Autografen, also handgeschriebene Bücher, Briefe, Manuskripte heben gerade ab, überhaupt alles, was "unikatär" ist, sagt Brandis. Ein Drehbuchmanuskript von Hans Fallada kletterte vom Schätzpreis 20.000 Euro auf 40.000 Euro. Ein Brief des US-amerikanischen Malers James Whistler an einen seiner Schüler brachte statt 550 Euro immerhin 1.000 Euro ein.

Für Veränderungen auf dem Markt sorgen auch russische und chinesische Käufer. Jetzt wird im großen Stil zurückgekauft, was einst das Land Richtung Westen verlassen hat. Ein vierseitiger Brief von Tolstoi auf Französisch war auf 2.500 Euro geschätzt worden und erzielte 6.000 Euro. Eine chinesische Enzyklopädie von 1952, mit vielen hübschen Farbholzschnitten versehen, kostete immerhin noch 2.800 Euro – geschätzt hatte Bassenge sie auf 500 Euro. Geradezu irrwitzig entwickelte sich der Preis für Dokumente des Barons Maximilian von Babo, der als österreichischer Vizekonsul am chinesischen Hof zwischen 1896 bis 1917 wirkte. 16 Schriftstücke belegen seinen Versuch, Weinbau im kaiserlichen China zu betreiben. Ein Versuch, der sich erst jetzt ausgezahlt hat: 6.000 Euro war einem Käufer wert, was die Galerie nur auf 150 Euro geschätzt hatte.

Kinderbuchsammler sind nicht selten die größten Kinderhasser

Wie es ja nur recht, wenn schon nicht billig ist, dass die Chinesen und Russen sich ihre Kultur zurück ins Land holen, wäre es auch den Kindern zu gönnen, dass ihnen die Bücher, die einst für sie verfertigt wurden, zurückgegeben werden zum Gebrauch. Denn was für hübsche Kinderbücher unter den Hammer kommen – der Hammer! Aber das wird in diesem Fall natürlich Wunschdenken bleiben. Kinderbuchsammler sind ja naturgemäß die größten Kinderhasser. Kinderbuchliebhabern zufolge stecken Kinder, die ein Kinderbuch aufschlagen, ihre Triefnasen in fremde Angelegenheiten. Kinderbuchliebhabern sind Kinder weiter nichts als Kinderbuchzerstörer, die marmeladen- und wurstfingrig Kostbarkeiten der Vernichtung zuführen. Das Abc-Buch des russischen Malers, Schriftstellers und Kunsthistorikers Alexandre Benois ist der Traum von einem Kinderbuch: farbenfroh, verspielt, verrückt, eine Reise durch Raum und Zeit. Schöner lassen sich Buchstaben nicht lernen. Aber auch nicht teurer: 5.800 Euro blätterte ein Käufer dafür hin.