So richtig passte das hässliche Apartmenthaus im Zentrum des kleinen Stadtstaates Andorra nicht zum exklusiven Lebensstil der Beltracchis. Von den Millionen, die Wolfgang und Helene Beltracchi sich jahrzehntelang mit gefälschten Kunstwerken ergaunerten, kauften sie luxuriöse Anwesen in Südfrankreich und Freiburg, teure Autos, bezahlten ausgedehnte Aufenthalte in Grandhotels auf der ganzen Welt und eine eigene Kunstsammlung. Im Oktober 2011 wurden die beiden und zwei ihrer Helfer in Köln für 14 als Bande begangene Betrügereien zu Haftstrafen verurteilt – nach einem mit der Staatsanwaltschaft ausgehandelten Deal, der Dutzende weitere Fälle außer Acht ließ. Nicht nur deshalb sind ein Jahr nach diesem Urteil mehr Fragen offen, als durch den Prozess vor dem Kölner Landgericht beantwortet wurden . Wie viele Bilder hat die Beltracchi-Bande noch in den Kunstmarkt geschleust? Waren weitere Personen an den Betrügereien beteiligt? Ermittler gehen von einem Betrugsgewinn zwischen 20 und 50 Millionen Euro aus – wo ist das ganze Geld geblieben?

Das Apartmenthaus im Steuerparadies Andorra spielt in dem Skandal eine zentrale Rolle. Im Erdgeschoss hat sich ein Motorradausrüster breitgemacht. Nebenan gibt es eine Miele-Niederlassung und einen Elektrofachhandel. Das kleine Apartment 6 im dritten Stock strahlt auf Fotos den fragwürdigen Charme einer preisgünstigen Ferienwohnung aus. Alles wirkt billig: die laminierten Kleiderschränke, die tristen Tagesdecken und Vorhänge, das Bügelbrett im Flurschrank. Im Schlafzimmer hängt über dem Ehebett ein dilettantisch gemaltes Blumenbild, im Wohnzimmer ein grauenvolles Stillleben mit Früchten und Zinnkrug, im Flur eine kitschige Dorfansicht. Keine Spur von Klassischer Moderne à la Derain und Braque, Campendonk und Ernst, die Wolfgang Beltracchi spätestens seit Mitte der achtziger Jahre gefälscht und mit seinen Komplizen in Umlauf gebracht hat. Diese Wohnung war nicht zum Wohlfühlen, sie diente als Schlafstätte für kurze Aufenthalte, wenn es galt, Geschäfte zu tätigen. Nach Andorra kam das Betrügerpaar, um Geld zu verschieben. Über ihre Konten bei der Crèdit Andorrà wickelten die Beltracchis viele Jahre lang die Verkäufe ihrer Fälschungen ab, bezahlten die Handwerker für den millionenschweren Umbau ihrer Villa über den Dächern von Freiburg, überwiesen dem Kunsthistoriker Werner Spies Hunderttausende Euro, nachdem dieser – in gutem Glauben, wie er sagt – mindestens sieben Max-Ernst-Fälschungen zu teuren Originalen erklärt hatte. Und von hier aus verwalteten sie auch viele andere Konten in aller Welt, über die sie sechs- und siebenstellige Beträge in Investmentfonds und Briefkastenfirmen etwa in Panama verschoben.

Die Kontoauszüge aus Andorra erzählen detailliert vom luxuriösen Alltag der Betrüger, den sie noch bis zur Festnahme im August 2010 pflegten, von Besuchen bei Juwelieren und in teuren Boutiquen. Und es gibt unzählige Geldtransfers, die immer neue Fragen aufwerfen, deren Klärung durch ein Gericht man sich wünschen würde. Man muss nur einige der vielen Transaktionen herauspicken: Wer steckt hinter der Firma Palmflower Inc., deren Eintrag man im panamaischen Handelsregister findet? Von dieser Firma wurden am 27. August 2007 1,5 Millionen Euro auf das Beltracchi-Konto 9C0982 überwiesen. Schon 2006 und 2004 hatte ebendiese panamaische Firma sechsstellige Beträge an Beltracchi transferiert. Wofür? Steckt hinter Palmflower ein Käufer von Fälschungen, ein Galerist oder Sammler? Oder gehörte die Firma einem Komplizen oder Wolfgang Beltracchi selbst?

Wieso geht von dem Konto Wolfgang Beltracchis am 9. Juni 2010, wenige Wochen vor seiner Festnahme, ein Betrag von 70.000 Euro mit dem Betreff "Etienne Martin" auf das französische Konto eines Gianni Inzerillo? Ist Inzerillo der Ehemann von Odile Aittouarès-Inzerillo, der Tochter des Pariser Galeristen Jean-François Aittouarès, über den ein großer Schwung Beltracchi-Fälschungen in den internationalen Kunsthandel geschleust wurden? Odile Aittouarès-Inzerillo hat auch selbst als maßgebliche Expertin für den Künstler Émile Othon Friesz mehrere Beltracchi-Fälschungen für echt befunden, die dann für Hunderttausende Euro über die Galerie ihres Vaters verkauft wurden. Die Galeristen Aittouarès waren für die ZEIT nicht zu sprechen.

Vor allem die geschädigten Sammler dürften sich fragen, wo das ergaunerte Geld ist und was mit dem vorhandenen Vermögen passiert. Die von Beltracchi für mehrere Millionen umgebaute Villa an der Freiburger Eichhalde ist nach wie vor nicht verkauft – obwohl es ernsthafte und solvente Interessenten gibt. Und was ist mit den 119000 Euro, die kurz nach der Verhaftung von Wolfgang Beltracchi im August 2010 von dessen Konto bei der Crèdit Andorrà an die Kanzlei Gillmeister, die Freiburger Verteidiger der Beltracchis, gingen? Auch der Anwalt reagierte bis Redaktionsschluss nicht auf eine Anfrage.

Als die Ermittler vom Berliner LKA die kleine Wohnung in Andorra durchsuchten, stießen sie auf eine durchsichtige Box mit Deckel und fanden darin, was später als die "Andorra-Liste" zitiert werden sollte: ein dreiseitiger, handschriftlich ergänzter Computerausdruck mit insgesamt 47 Kunstwerken sowie deren Größe und jenen Orten, an denen Beltracchi sie gekauft haben will. Mutmaßlich handelt es sich bei dieser Bilderliste um weitere von Wolfgang Beltracchi gemalte Fälschungen, von denen zahlreiche bislang weder identifiziert noch lokalisiert sind.

Es herrscht weiter große Unsicherheit auf dem Kunstmarkt

Einige der Bilder wurden nachweislich von Wolfgang Beltracchi und seinen Helfern als aus den erfundenen Sammlungen Jägers oder Knops stammend angeboten und verkauft. Bei ihnen stimmt die in der Liste angegebene Herkunft also zweifelsfrei nicht: So gibt das Papier etwa für das angeblich 1946 entstandene Stilleben von Oskar Moll an, es sei 1976 im "Antikhandel Berlin" für 3.500 Mark gekauft worden. 24 Jahre später stellt es Otto Schulte-Kellinghaus aber der Expertin Dorothea Salzmann als Werk aus der Sammlung seines Großvaters Wilhelm Knops vor. Für Werke von Moise Kisling, Raoul Dufy, Henri Edmond Cross und Hans Purrmann gibt die Andorra-Liste als Provenienz Auktionen in Frankreich an. Überprüfungen der französischen Polizei ergaben jedoch keine Ergebnisse für diese Versteigerungen. Und wo sind eine Paris-Ansicht von Maurice Prendergast, drei Gemälde von Henri Martin (Liegender Akt, Männerportrait, Hafenansicht), eine Landschaft von Theo van Rysselberge und eine von Auguste Herbin abgeblieben? Ungeklärt ist bis heute auch, wo die zwei Gemälde sind, von denen die Polizei im Kleiderschrank in Andorra Fotos fand: eine Ansicht der Epte bei Giverny, angeblich von der Hand des amerikanischen Impressionisten Theodore Earl Butler, und eine Landschaft mit Gebäude und der Signatur von Raoul Dufy.

Die beiden Kisling-Bilder von der Liste dagegen sind wieder aufgetaucht – und vielleicht sogar noch eine dritte Fälschung dieses Künstlers. Das größere mit blauem Hintergrund wurde im November 1995 für 58.000 Pfund bei Sotheby’s in London an die Genfer International Art Center versteigert. Diese Firma steht in enger Verbindung zur weltweit tätigen Kunsthändlerfamilie Nahmad, wie aus einem amerikanischen Gerichtsverfahren hervorging.

Das zweite Kisling-Bild tauchte vor Kurzem im Katalog des Pariser Auktionshauses Millon auf. Bei der allerersten Auktion des Unternehmens in Dubai sollte es am 22. Oktober für 150.000 bis 200.000 Dollar angeboten werden. Als Herkunft des bunten Bildes nannte das Auktionshaus in erfrischender Offenheit: Collection Jägers, Köln – Collection Beltracchi, Palma. Beide Namen schienen weder dem Einlieferer noch Millon bekannt zu sein. Der Millon-Katalog verweist auf eine Auktion im März 1994 bei Sotheby’s, bei der das Blumenbild versteigert worden sein soll. Das damals in London angebotene Gemälde sieht dem bei Millon zwar sehr ähnlich – tatsächlich handelt es sich aber nach Recherchen der ZEIT um zwei verschiedene Bilder. Deren Ausführung mit blauer Vase, grünem Tisch, blauem Brokatvorhang und nahezu gleichen Blumen legt aber nahe, dass sie vom selben Maler stammen könnten: von Wolfgang Beltracchi. Inzwischen ist das Bouquet varié, das tatsächlich bereits 1993 bei Sotheby’s verkauft wurde, aus dem Angebot in Dubai verschwunden. Wo aber ist das andere, sehr ähnliche Blumenbild von Kisling, das 1994 bei Sotheby’s versteigert wurde? Diente es Beltracchi als Vorlage? Oder ist es auch eine Fälschung? So viel ist klar: Der Dubai-Fall hat die Befürchtung, dass noch Beltracchi-Fälschungen in Umlauf sind, zur Gewissheit werden lassen.

Hätten sich Staatsanwaltschaft und Gericht vor einem Jahr in der Verhandlung des größten Kunstfälschungsfalls der Nachkriegsgeschichte nicht auf einen Deal und einen zu kurzen Prozess eingelassen, so wären diese Bilder eventuell schon früher aus dem Verkehr gezogen worden. Jetzt aber herrscht weiter große Unsicherheit auf dem Kunstmarkt, verlaufen viele Spuren im Ungewissen. Auch an Beltracchis Behauptung, er habe die Dutzenden von Fälschungen nach unterschiedlichsten Malern und Stilen alle selbst gemalt, gibt es Zweifel. Am ehemaligen Wohnort des Betrügerpaares, in Mèze, und in Marseillan kursieren Geschichten von einem Maler und weiteren zwei Männern, die geholfen haben sollen.

Die Betrüger scheint das nicht weiter zu stören, auf die Bitte der ZEIT um Stellungnahme gibt es keine Antwort. Eine generelle Scheu vor Medien ist allerdings nicht das Problem des Ehepaars Beltracchi. Seit Monaten wird Verlagen ein Buch aus ihrer Feder angeboten. Außerdem arbeiten die beiden an einem Kinofilm zum Fall Beltracchi mit, bei dem der Dokumentarist Arne Birkenstock, der Sohn des Kölner Beltracchi-Anwalts Reinhard Birkenstock, die Regie führt. Beltracchi nennt die Produktion "halbdokumentarisch" – was auch immer das aus dem Mund eines Betrügers heißen mag.