Als der Kellner die Lasagne bringt, hört der Kandidat auf, mit den Fingern auf die Tischplatte zu trommeln. Nun, da er isst, fällt es weniger auf, dass die Menschen am Tisch rechts und links von ihm hauptsächlich untereinander reden und nicht mit ihm, dem Mann, den sie heute eingeladen haben.

Horst Wawrzynski sitzt an jenem Tag in Leipzig beim Stammtisch des CDU-Ortsverbands Mitte. Die Partei hat ihn, den parteilosen Polizeipräsidenten, wenige Wochen zuvor als Kandidaten für die Oberbürgermeisterwahl aufgestellt. Er wird am 27. Januar 2013 gegen Amtsinhaber Burkhard Jung ( SPD ) antreten.

Ob das Wahlprogramm schon fertig sei, fragt eine Frau am Tisch. »Noch nicht«, sagt der Kandidat, »aber das erstelle ich noch.« Er sagt »ich«, nicht »wir«. Warum wäre Wawrzynski, der Polizeipräsident, der richtige Mann an Leipzigs Spitze? Ein Mann mit T-Shirt im CDU-Orange hebt sein Weißbierglas und stellt eine Gegenfrage: »In welcher ostdeutschen Stadt gibt es sonst noch eine funktionierende Mafia?«

Leipzig ist die Kriminalitätshauptstadt Sachsens, wenn nicht gar des ganzen Ostens. Das Organisierte Verbrechen hat einen Schwerpunkt hier. Die Zahl der Raubüberfälle, Einbrüche und Rauschgiftdelikte ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen, die Zahl der Wohnungseinbrüche hat sich seit 2005 mehr als verdoppelt. Und die Aufklärungsquote liegt deutlich unter dem Landesdurchschnitt. Wieso also steigt ausgerechnet der Polizeipräsident in den Ring – der seit 2008 für diese Zahlen geradesteht? Denkt er, als Stadtchef die Probleme lösen zu können, die er als oberster Polizist nicht in den Griff bekam?

Der 59-Jährige, der mit bayerischem Einschlag spricht, ist kein großer Redner; und doch hat die CDU dem Parteilosen den Vorzug vor einem Bewerber aus ihren eigenen Reihen gegeben. Denn Wawrzynski ist für die Christdemokraten, die in Leipzig noch nie den Oberbürgermeister stellen konnten, der markanteste Kandidat seit Langem. Er wirkt herb, nicht so smart wie der Amtsinhaber. Burkhard Jung punktet mit bürgerlichem Habitus, er war Beigeordneter und Kronprinz seines Vorgängers Wolfgang Tiefensee . Er ist ein Mann der Leipziger politischen Szene. Wawrzynski hingegen gibt sich als bodenständiger Quereinsteiger, der sagt: »Ich hab’ doch nichts zu verlieren.«

Ein Abend vor wenigen Wochen. Horst Wawrzynski sitzt in der Leipziger Innenstadt vor einer großen Tasse Kaffee und raucht einen Zigarillo nach dem anderen. Nicht hektisch, sondern ganz ruhig, mit tiefen Zügen. Er soll erklären, wie es zusammengeht, dass er einerseits, ohne zu zögern, sagt: »Ja, ich trage die Organisationsverantwortung für die schlechte Bilanz.« Und dass er andererseits seit Monaten keine Gelegenheit auslässt, den Mangel an Ordnung und Sicherheit in der Stadt zu beklagen.

Eine konkrete Antwort auf die Frage bleibt er schuldig. Doch im Gespräch fällt irgendwann der Satz: »Der Oberbürgermeister ist der höchste Polizist in der Stadt.« Dieser Satz ist der Schlüssel zum Selbstverständnis des Kandidaten. Wawrzynski ist seit 42 Jahren Polizist. Er denkt in Kategorien, die ihm sein Beruf vorgibt. Der Wahlkampf, für den er sich als Polizeichef hat beurlauben lassen, sagt er, »ist wie ein Einsatz. Nichts anderes.« Im November wird er 60 Jahre alt, Ende Februar wird er regulär pensioniert. Seinen größten Einsatz – den gegen Einbrecher, Räuber und mafiöse Kriminelle – glaubt er daher, vom Rathaus aus zu Ende bringen zu müssen.