Normalerweise sind Tagebücher natürlich tabu. Es sei denn, ihr Verfasser, in diesem Fall der Autor Martin Walser, erlaubt Neugierigen einen Einblick. "Wenn sie wollen, kommen deutsche Schriftsteller, die sich einen Namen gemacht haben, viel herum", schreibt Herausgeber Thomas Schmid im Vorwort des Bandes Meine Lebensreisen. Zwar sind die meisten der darin versammelten Texte bereits in einem von Walsers drei Tagebuchbänden unter dem Titel Leben und Schreiben beim Rowohlt Verlag erschienen. Doch der hier vorgenommene Fokus auf das Reisen soll einen neuen Blick auf den Schriftsteller eröffnen. Schließlich sei Martin Walser eben nicht nur der Bodensee-Mensch, auf den ihn das Vorurteil gern festlege, wie Schmid schreibt, sondern einer, der unermüdlich durch die Lande ziehe, um seiner beträchtlichen Lesergemeinde vorlesend zu Diensten zu sein – auch im Ausland.

Mit einem Eintrag aus dem Februar 1952, in London, beginnt Martin Walsers Reisetagebuch. Da ist er noch Rundfunk- und Fernsehredakteur und hat in Europas Metropolen zu tun. Später reist Walser als Stipendiat von Henry Kissingers International Summer School in die USA, recherchiert in Trinidad und Tobago, lehrt als Gastdozent in Japan und fühlt sich in Frankreich vom Goethe-Institut "herumgereicht". Ob als Kongressteilnehmer oder auf Lesereise – für Städte und Landschaften hat der Schriftsteller kaum einen Blick übrig. Dafür entgeht ihm kein Detail, wenn es um die Menschen geht, denen er begegnet. So reichen ihm wenige Zeilen über eine Zollprozedur in Probstzella, um den Kontrollwahn der DDR-Bürokraten vorzuführen.

Martin Walser hält durchweg Abstand. "Ich versuche, so gut es geht, den Bedeutungen auszuweichen, die aus allem Begegnendem auf mich zukommen", schreibt er am 19. März 1981 in Berlin, gleich im Anschluss an den Eintrag, dass er "bei Pels-Leusden 2 Tübke-Zeichnungen für 4950 (3000 und 1950) gekauft" habe. Schade. Weniger Abstand wäre zuweilen durchaus interessant. Statt des Buchhaltereintrags hätte man zum Beispiel gerne mehr erfahren über das, was auf besagten Bildern des DDR-Malers Werner Tübke zu sehen ist. Aber ein Tagebuch ist eben ein Tagebuch, das man nehmen muss, wie es ist. Wir haben lediglich Leseerlaubnis.