Als die Chefin der Three Coins GmbH den Raum betritt, sprüht sie geradezu vor Energie. Der Schlafmangel ist Katharina Norden nicht anzusehen. Gestern habe ihr Tag bis zwei Uhr in der Früh gedauert, sagt die 28-jährige Wienerin. "So ist das eben in der Gründungsphase."

Seit eineinhalb Jahren ist sie als Social Entrepreneur tätig und arbeitet im HUB Vienna, einer Büro-WG im siebten Wiener Gemeindebezirk, im Dienste der Nachhaltigkeit. Wuchtige Luster hängen bemüht windschief von der Decke. Jeder Arbeitsplatz in der international vernetzten Kreativkommune sieht anders aus. Hier brüten Jungunternehmer Geschäftsideen aus, welche die Welt verbessern sollen.

"Es gibt die Jesusschlapfen-NGOs und die Hardcore-Business-Fraktion", lächelt Norden. Social-Entrepreneurship sehe sie in der Mitte. Es gehe um pragmatische Ideen, die der Gesellschaft konkreten Nutzen brächten. Und ja, es sei ein wahnsinniger Gedanke, diese beiden Welten miteinander in Verbindung bringen zu wollen. Ihre Firma kümmert sich um Financial Literacy, die Vermittlung grundlegender Kenntnisse jenes Alphabets, mit dem die Finanzwelt kommuniziert.

Österreicher im Alter zwischen 16 und 25 Jahren hätten im Schnitt 6.000 Euro Schulden, zitiert sie aus einer Studie. Drei Viertel der Jugendlichen zwischen 15 und 21 wüssten nicht, was das Bruttoinlandsprodukt sei, und die Hälfte kann nicht erklären, was Zinsen sind. Zudem hat jeder fünfte Verschuldete unter 25 ein Negativsaldo von 30.000 Euro angehäuft. Diese Zahlen würden tabuisiert, sagt Norden. Um etwas zu bewirken, hat sie mit Anna Mostetschnig und Matthias Reisinger Three Coins gegründet. Herauskommen soll ein Netzwerk für Zentral- und Osteuropa, das unter Einbindung von Psychologen, Ökonomen, Armutsforschern und Soziologen Lernmodelle für Jugendliche entwickelt, damit diese besser mit Geld umgehen lernen: "Weil Arbeitslosigkeit oder Obdachlosigkeit ihren gemeinsamen Nenner beim Umgang mit Geld haben."

Sie generiert wichtiges Know-how für die Nutzung neuer Medien in der Aufklärungsarbeit.
Franz Fischler

Dass das Thema schwer vermittelbar ist, weiß Norden. Neue Ansätze sind also gefragt. The Cure nennt sich ein Online-Spiel für neue Medien wie Facebook, das sie mit einem führenden Unternehmen zur Entwicklung digitaler Lernspiele ausgetüftelt hat. Es ist ein düsteres Computerabenteuer für 14- bis 19-Jährige, die sich in einer Welt voller Zombies alleine durchschlagen und dabei behutsam ihre Ressourcen einsetzen müssen. Bis Anfang 2013 reichen die Budgets zur Programmierung. Es gebe bereits Anfragen aus den USA, Kanada, Indien oder China. 2011 gewann Three Coins einen mit 40.000 Euro dotierten Preis von Coca-Cola. Auch die Erste Bank steuerte Kapital bei. Bis hin zu konventionellen Brettspielen schwebt Norden noch viel vor, um Finanzkompetenz auch offline zu vermitteln.

Warum die studierte Juristin gerade diesen Weg einschlug? Als Tochter eines Piloten habe sie von klein auf viel von der Welt gesehen – auch Entwicklungsländer. Das habe in ihr das Gefühl, privilegiert zu sein, verstärkt. "Ich habe mehr und mehr nach etwas gesucht, das auch Sinn macht", sagt Norden.

Bereits als Kind passte ihr so einiges nicht. Weil ihr schon in der Volksschule viele Themen zu kurz kamen, gründete sie als Mittelschülerin den Elchboten, eine preisgekrönte Schülerzeitung. Als die Studentin am Forum Alpbach teilnahm, befand sie, das alpine Kolloquium müsse mehr sein als ein Diskussionstreff konservativer Intellektueller und Wirtschaftsbosse. Sie gründete eine Interessengemeinschaft und organisierte Stipendien, um junge Menschen nach Tirol zu vermitteln. Nach wie vor ist die Gruppe aktiv. Als bei der diesjährigen Abschlussveranstaltung zum Alpbacher Jugendseminar das Podium nur aus honorigen Herren bestand, wurden diese so lange ausgepfiffen, bis Wirtschaftskammerboss Christoph Leitl, einer der Diskutanten, seinen Sessel für eine junge Aktivistin aus dem Publikum räumte. Norden freut sich über diese Symbolik, sieht sich aber nicht als Umstürzlerin. "Wir bewegen uns in einem großen System. Von heute auf morgen lässt sich nichts verändern." Bei den Turbulenzen, die gegenwärtig die Finanzwelt heimsuchen, sei es langfristig wirkungsvoller, Wissen zu vermitteln und Bewusstsein zu schaffen, anstatt die Zerschlagung von Banken zu fordern.

Oft frage sie sich, warum Finanzkenntnisse nicht an den Schulen unterrichtet würden. Mit diesem Anliegen wurde sie vor einem halben Jahr auch im Finanzministerium vorstellig. Ein wichtiges Thema, hieß es, leider habe die Ressortchefin derzeit andere Sorgen. "Diese Herausforderung ist trotzdem zu bewältigen", sagt Norden, blickt auf die Uhr und muss dringend zum nächsten Termin. Dieses Jahr sitzt sie nämlich selbst in der Jury für den Preis, mit dem ein ein Getränkeherstellers Ideen gegen Armut belohnt.

Johannes Luxner