Als Christoph Rainer an diesem Nachmittag im Frühherbst vor einem Café im New Yorker Stadtteil Harlem sitzt, unweit der Columbia-Universität, an der er seit knapp zwei Jahren im Rahmen eines Fulbright-Stipendiums studiert, könnte wohl keiner der anderen Gäste sagen, wer hier wen interviewt, so viele Fragen stellt er.

Kaum angekommen, dreht sich Christoph Rainer um und geht an den Nebentisch. "Moment, bin gleich wieder da." Ein Kommilitone sitzt da, ein begnadeter Filmemacher, wie Rainer sagt. Es dauert nur wenige Minuten, da unterbricht er erneut. "Ich muss kurz Hallo sagen", sagt er und springt auf. Eine Kommilitonin, auch sie hat gerade an einem Film gearbeitet.

Mit 27 hat er es weit gebracht. 17 oder 18 Kurzfilme hat Christoph Rainer inzwischen gedreht, genau könne er es nicht sagen. Vor vier Jahren hat er in seiner Heimat Klosterneuburg ein eigenes Filmfestival gegründet. Und das alles neben dem Studium in Wien und New York.

Das Denken in Bildern war für Rainer schon immer wichtig, ursprünglich wollte er Comiczeichner werden. Film verband er vor allem mit seiner Kindheit, mit Disney-Klassikern wie Bambi. Seine Kinobesuche seien sehr unschuldig gewesen. Doch mit 16 sieht er das erste Mal den Stanley-Kubrick-Klassiker 2001: A Space Odyssey. Die Bildgewalt fasziniert den jungen Mann. Kubrick habe etwas in ihm ausgelöst, sagt er. Filme, das begriff er damals plötzlich, könnten "so viel mehr sein als einfach nur ein gutes Mittel, die Kinder für eine Weile zu beschäftigen".

Er ist begnadet und hat die Shortynale gegründet, ein Filmfestival, das rasant groß und wichtig wird.
Stefan Rudowitzky

Rainer redet schnell, seine Beine wippen nervös. Fast scheint es, als wolle er aufholen, was er früher verpasst hat, und als versuche er, so viele Wörter und Gedanken wie möglich in jeden Satz zu pressen. Immer wieder entschuldigt er sich, schweift ab, springt im Gespräch, fragt nach, verliert den Faden, bricht Sätze ab. Auf Leute zugehen, sie ansprechen, Fragen stellen – er sei nicht immer so gewesen, erzählt er. Es war der Film, der ihm keine Wahl ließ.

Christoph Rainer, Sohn einer Malerin und Kunstprofessorin, die ihre Begabung der Familie opfert, und eines Lehrers, eines perfektionistischen, frommen Mannes, beginnt zu experimentieren. Mit 17 dreht er seinen ersten Kurzfilm. Seine Hauptdarsteller sind entweder der Bruder oder sein bester Freund. Trotz seiner sieben Geschwister ist Christoph Rainer ein schüchterner Junge. Oder vielleicht genau deswegen. "Ich hatte zu Hause so viel Gesellschaft, dass ich nie mit fremden Leuten reden wollte", sagt er.

Rainer flüchtet sich in den Experimentalfilm, hält sich an die Tradition eines Peter Tscherkassky, des bedeutenden österreichischen Experimentalfilmers, der sich aus Angst vor dem Team im Labor versteckt. An der Filmschule in Wien, an der Rainer mit 18 Jahren angenommen wird, habe sich jeder profilieren wollen, die Studenten hätten sich gegenseitig "auseinandergerissen". Das Team am Set wird zum Gegner.

Mit Drake, einer Mischung aus Experimental- und Spielfilm, gedreht ohne Licht und Ton, in dem sich ein Familiendrama als Silhouette vor dem Sonnenuntergang entfaltet, kommt der erste Erfolg: die Zulassung an der Filmakademie. Auf über 50 Festivals wird der Film gezeigt, Rainer verkauft ihn an mehrere Fernsehstationen. "Der Film hat mir die Türen geöffnet, ich hatte das Gefühl, ihm etwas zu schulden", sagt er heute.

Es ist die Zeit, in der Rainer sein Leben umkrempelt. "Ich wusste, wenn ich wirklich Filme machen will, dann muss ich offener sein, dann muss ich die Hosen runterlassen." Rainer lässt die Hosen runter: Er lernt, über Dinge zu sprechen, die ihm nahe sind, lernt, jemand zu sein, der Leute anfeuert. Heute liebe er diese Eroberung des Nutzlosen, wie es der deutsche Regisseur Werner Herzog nennt: mit wehenden Fahnen vorweg zu ziehen, ein voranstürmender Führer, der nicht weiß, ob sein Film irgendjemanden erreicht.

Was ihn treibt? Vor allem eine große Langeweile. Er wolle das Kino "in Stücke reißen", etwas Neues schaffen, sagt Rainer. Mit dem grimmigen Ansatz eines Michael Haneke, jenes intellektuellen Übervaters des österreichischen Kinos, bei dem er in Wien studierte, kann Rainer heute nur noch wenig anfangen. Es gehe ihm nicht um den erhobenen Zeigefinger. "Das Tolle am Film ist, dass ein Idiot wie ich Filme für andere Idioten machen kann", sagt er. Film sei das dümmste Medium, aber dadurch auch am leichtesten zugänglich.

Seine Geschichten handeln von Kindheit, von häuslicher Gewalt, vom Scheitern, von rohen Vaterfiguren, die auf der Leinwand wüten, von der Lust am Leben und vom tiefen Sturz, der darauf folgen kann. Immer überhöht, immer stilisiert. Wie in Foal, einem Kurzfilm aus dem Jahr 2011, in dem die Geburt eines Kindes zur globalen Entfremdung führt: des Ehemanns von seiner Frau, der Mutter von ihrer Tochter, der Ehefrau von der Welt um sie herum.

Film, sagt Rainer, sei ein Medium, das dazu diene, das Leben mit anderen zu teilen. Seine Bilder sollten mit dem Publikum machen, was er auf der Straße mit den Leuten mache. Zu ihnen sprechen, sie umarmen. Kino sei eine physische Erfahrung. Spannend werde es, wenn ein Film nicht nur Gänsehaut erzeuge, sondern "wirklich unter die Haut" gehe, sagt er und macht eine Bewegung, als wolle seine Hand unter eine imaginäre Haut vor ihm greifen. Bis heute hat der junge Filmemacher nur drei oder vier Filme auf dem Laptop betrachtet. Aus Gründen der Recherche, wie er sagt. Große Gefühle brauchten hingegen eine große Leinwand. Kino sei für ihn wie eine Messe, in der man sich für 90 Minuten abschotte von der Welt.

Diese Lust am Kino will Rainer auch dem Publikum der Shortynale, seines Kurzfilmfestivals in Klosterneuburg in Niederösterreich, vermitteln. Auch das ist ein Ergebnis der Mutation, die er durchgemacht hat. Ein bisschen fühle er sich jedes Mal wie ein DJ, der einen Song auflegt und hofft, dass das Publikum dazu tanzt. Nicht einmal, sondern zwanzig- oder vierzigmal. Es sei der Reiz, einen Schritt weiter zu gehen, einen Film zu zeigen, der die Leute herausfordere und sie vielleicht mit einem etwas erweiterten Horizont nach Hause schicke. Derzeit laufen die Vorbereitungen für das kommende Jahr.

Fragt man Christoph Rainer nach seinen Zielen, stockt sein Redefluss erstmals. Er wolle das österreichische Kino aufbrechen, sagt er schließlich, es aus der Nische der skurrilen Komödien holen und auf die internationale Bühne heben. Er sei ein österreichischer Filmemacher, ein "absoluter Patriot" – ein Wort, das er aber ungern verwende. Die regionale Stimme eines Films werde immer wichtiger, wenn die globale Filmindustrie zunehmend verschwimme. Wie das aussieht, zeigt er schon jetzt: Mit 16 ging er für ein Jahr nach Montana, gedreht hat er in Brasilien, Island, Tschechien. Reisen, beobachten, erfahren, dazwischen das Filmfestival, eine schwierige Balance.

Wenn seine Zeit in New York voraussichtlich in zwei Jahren vorbei ist, zieht es Christoph Rainer zurück in die Heimat, nach Österreich, seinem "Stützpunkt". Dann will er endlich den Sprung wagen, vom Kurzfilm zum Langfilm. Er hätte das schon längst tun müssen, sagt er. Doch es mache ihm Angst. Aber vielleicht ist es Zeit für die nächste große Metamorphose.

Thorsten Schröder