Es ist an jedem Nationalfeiertag dasselbe Ritual: Gesenkten Hauptes schreiten die Spitzen des Staates durch ein Spalier von Gardesoldaten über den Heldenplatz in Wien, betreten dort die Krypta, deponieren Kränze, streichen die Schleifen glatt. Ein Augenblick solenner Stille. Dem Heldengedenken ist Genüge getan.

Der Heldenplatz, ein städtebaulicher Torso im Herzen Wiens, ist der Hauptplatz der nationalen Geschichtsbetrachtung. An diesem Ort kommt scheinbar jeder Geisteshaltung Heldenruhm zu. Hier befinden sich die Gedenkstätten für die unterschiedlichen Heroen aus der österreichischen Vergangenheit.

Die überlebensgroßen Reiterstatuen, die das Areal dominieren, erinnern an imperiale Größe. Für die Toten des Ersten Weltkriegs, die in den Uniformen der Donaumonarchie starben, gestaltete das autoritäre Regime von Engelbert Dollfuß einen Gedenkraum im äußeren Burgtor – indirekt sollte die Monumentalplastik eines gefallenen Kriegers wohl auch die eigenen Helden, die wackeren Kämpfer gegen den Austromarxismus, verklären. Es unterstreicht nur das tolerante Geschichtsbild, dass der Schöpfer des Marmorkatafalks ein Bekenntnis zum Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland in seinem Werk versteckte. Erst vor wenigen Monaten wurde dieses Schriftstück wieder entfernt.

Das Verständniswirrwarr über die Vergangenheit setzte sich nach 1945 fort. Inmitten des habsburgisch-austrofaschistisch-nationalsozialistisch inspirierten Heldenensembles wird auch regelmäßig derer gedacht, die sich im Widerstand gegen das NS-Regime befanden und oft ihren Einsatz mit dem Leben bezahlten. Gleichzeitig betrauern hier deutschnationale Verbindungen an jedem 8. Mai, dem Jahrestag der deutschen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg, den Untergang ihres Reiches.

Wenn demnächst, wie soeben beschlossen, am Rande des Heldenplatzes auch noch ein Denkmal für all jene Deserteure errichtet wird, deren Fahnenflucht als Beitrag zur Wiederherstellung einer demokratischen Republik Österreich angesehen werden muss, so dehnt sich das tolerante Verständnis historischer Zusammenhänge nahezu ins Unendliche. Heldentum wird dadurch zu einer beliebigen Kategorie. Ein erfreulicher Fortschritt, wenn man so will.

Durch die vielen Bedeutungsmetamorphosen hat sich der Heldenplatz in ein Disneyland der österreichischen Geschichte verwandelt. Vom großen Balkon der Neuen Hofburg verkündete Adolf Hitler die Eingliederung seiner alten Heimat in Großdeutschland. Nach dessen Ende zierten während der Besatzungsjahre riesige Stalin-Porträts die Fassade des kaiserlichen Palastreviers.