Das Tückische am Kapitalismus ist, dass er sich ständig selber reformiert und so seinen vorbestimmten Untergang verzögert – seit Marx & Engels. Nirgendwo tut er es geschickter als in seiner Hochburg Amerika, genauer: im Silicon Valley, von wo aus Matt Richtel in der New York Times Überraschendes meldet: "Neuerdings kriegen alle 250 Angestellten der Firma Evernote von der Empfangsdame bis zum Chef ihre Wohnungen zweimal im Monat geputzt, umsonst."

Von solchen Wohltaten darf der arbeitende Mensch in Deutschland nur träumen. Aber das ist nur ein frisches Beispiel. Vor fünf Jahren schon (ZEIT Nr. 43/07) nannten wir Google einen "Mini-Wohlfahrtsstaat, der selbst die skandinavische Variante wie einen Ausbund kapitalistischer Knauserigkeit aussehen lässt". Bei Google gibt es gratis seit eh und je die Kita, den Friseur, die Autowäsche und die Kleiderreinigung; dazu wie im Kibbuz die Frei-Verköstigung – in 15 Restaurants. Inzwischen gibt’s auch Frisch-Fisch für zu Hause.

Die Consulting-Firma Deloitte stellt dem Personal im Notfall Pfleger für die siechen Angehörigen daheim. Und rund um die Uhr professionelle Hilfe bei Ehekrächen. Die Medical School von Stanford schickt ihren Ärzten Raumpfleger und Mahlzeiten ins Haus. Genentech hilft mit Babysittern, wenn die Brut krank ist. Facebook gibt Cash: 4000 Dollar bei Geburt eines Kindes.

Der kapitalismuskritische Mensch wittert hier eine vergoldete Verschwörung: All diese Goodies sollen die Arbeitsbienen doch davon abhalten, Zeit und Energie fürs Private abzuzweigen. Die Mutter, die zu Hause putzt oder das kranke Kind umsorgt, produziert keinen Mehrwert. Unglückliche Eheleute tragen ihre Depressionen ins Büro. Frau Doktor kümmert sich nicht um ihre Patienten, wenn sie einkaufen und kochen muss.

Das ist richtig, geht aber an den neuzeitlichen "Produktionsbedingungen" der Wissensökonomie vorbei, wo die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit zerfließt. Wo Frauen beides wollen: Karriere und Kinder. Die Times zitiert die Personalexpertin Anne Weisberg: Der alte Arbeitsplatz "beruhte auf der Prämisse, dass jemand zu Hause an der Front blieb". Dieser Jemand war die Frau, und die hat sich ins Büro, in die Klinik verabschiedet. "Wir begreifen inzwischen, dass wir das Limit erreicht haben." Die Stanford-Kardiologin Hannah Valentine: "Wenn man abends erschöpft zu einem Berg von Hausarbeit zurückkehrt", entstehe "Burn-out", und erschöpfte Ärzte könnten ihren Patienten nicht die "beste Behandlung" bieten. Stanford wolle sich "um dich und dein Leben kümmern".

Die Devise: Die Firma tut Gutes für sich und für dich in einer Arbeitswelt, die sich nicht mehr auf "neun bis fünf" zurückschrauben lässt – schon gar nicht auf "Papi auf Arbeit, Mutti am Herd". Der Unterschied zu Deutschland? Hier soll vorweg der Staat die Fürsorge betreiben; die Unternehmen hinken noch hinterher. Die "Produktionsbedingungen" ändern sich rasanter – und der US-Kapitalismus tut es ihnen gleich. Aber auch dessen Krisenbewältigung hat Grenzen, wie der Facebook-Sprecher in der Times beteuert: "Wir offerieren keine Aromatherapie für Ihren Hund."