Darf man als Protestant denn heutzutage noch den bevorstehenden Reformationstag feiern – da doch seit kurzem die Parole »Ökumene jetzt!« gilt , die eine Gruppe vor allem politisch Prominenter ausgerufen hat, mit dem Ziel einer »Überwindung der konfessionellen Kirchentrennung«? Aber ja doch. Denn die Reformation ist im Ansatz und in ihrem bewahrenswerten Erbe ja kein Hindernis, sondern eine zentrale Voraussetzung einer Ökumene des Christentums.

Doch einige historische Mythen müssen bei den Protestanten abgetragen werden, zu beichten haben auch die evangelischen Kirchen vieles, und der falsche reformatorische Triumphalismus gehört längst abgetan. Nein, Martin Luther hat nicht mit Hammer und Nagel seine Thesen an die Wittenberger Kirchentür gedonnert, wie es uns die noch in schwarz-weiß gedrehten Schulfilme vorspiegelten. Nein, das Lied Ein feste Burg ist nicht die »protestantische Marseillaise«, kein Kampflied, sondern ein eher stilles Lied des Gottvertrauens. Und an der Stelle, wo es heißt: »wenn die Welt voll Teufel wär«, ist keineswegs von Katholiken im Nachbardorf die Rede, sondern vom Dämon in uns selber.

Den wahren Kern reformatorischer Theologie machen zwei Beziehungsbestimmungen aus – zum einen die zwischen Mensch und Gott, zum anderen jene zwischen den Menschen, zwischen den Gläubigen, den Andersgläubigen, den Nichtglaubenden. In der Beziehung zu Gott gilt die Formel »Allein durch den Glauben, allein durch Gnade« – das ist der Kern der wahren Befreiungstheologie: Der Mensch muss sich sein Seelenheil nicht (mehr) durch religiöse Zwangsarbeit verdienen, sondern lebt aus freiem, geschenktem Gottvertrauen. Zwischen den Menschen gilt hinsichtlich ihres Glaubens oder Unglaubens Luthers Satz – hätte er sich nur durchgängig daran gehalten: non vi, sed verbo – keinesfalls mit Gewalt, allein durch die freie Überzeugungskraft des biblischen Wortes.

Eine doppelte Befreiungstheologie also: Weder in der vertikalen Beziehung zwischen Gott und Menschen noch in den horizontalen Beziehungen zwischen den Menschen dürfen Zwang und Gewalt noch Angst und Drohung eine Rolle spielen – sei es durch Hölle oder Fegfeuer oder Beichtverhör. Entscheidend sind Überzeugung und Überzeugungskraft, niemals aber Rechthaberei um der konfessionellen oder kirchlichen oder gar politischen Habsucht willen. So oft auch protestantische Autoritäten und Herrscher gegen diese doppelte Freiheit verstoßen haben – eine Ökumene, in der dieses freiheitliche Erbe nicht unverkürzt bewahrt wird, ist der Mühe nicht wert.

Die Kirchen der Reformation haben dies weithin eingesehen, aber selbst untereinander erst seit 1973, seit der Leuenberger Konkordie; noch in der existenziellen Bedrohung durch das NS-Regime trauten sie einander nicht recht über den (rechten) Weg. Heute laden sie alle anderen Christen als Gäste zu all ihren Feiern ein, auch zum Abendmahl. Der Aufruf »Ökumene jetzt!« (siehe ZEIT vom 6. September 2012) hätte, auf den springenden Punkt gebracht, eigentlich direkt darauf hinauslaufen müssen, die römisch-katholische Kirche solle endlich ein Gleiches tun. Mehr Ökumene braucht es nämlich nicht.

Aber solange Rom die Kirchen der Reformation – wie in dem vatikanischen Dokument Dominus Jesus – herablassend als bloße »kirchliche Gemeinschaften« bezeichnet, »deren Wirksamkeit sich von der der katholischen Kirche anvertrauten Fülle der Gnade und Wahrheit herleitet«, ist von gleicher Augenhöhe nichts zu spüren.

Trotzdem sollten Protestanten immerhin ein gewisses Verständnis für ihre Schwesterkirche haben: Wenn man erst einmal im Lauf der Geschichte das exklusiv männliche Weihepriestertum, den Zölibat und das einmalige Sakrament der Ehe dogmatisch versteift hat, dann ist nicht leicht zu erkennen, wie man diese Pfeiler mit welchen Übergangsargumenten abtragen soll, ohne dass einem der Anspruch, die einzige Kirche im Vollsinn zu sein, gleich mit um die Ohren fliegt. Vielleicht geht es ja nur von oben her, mit der Aufgabe dieses Anspruchs. Aber dieser Weg ist der schwerste.

So behält der Reformationstag weiter seinen Sinn – nicht als konfessionelle Truppen- und Nabelschau, aber als bleibende, fröhliche Erinnerung an jene doppelte Befreiung vom religiösen Leistungs- und Bekehrungszwang und vom Ende kirchlicher Herrschaft.