Craig Milroys Hemd ist zwei Nummern zu groß. Eine Sicherheitsnadel hält seine Hose zusammen, darunter lugt der lilafarbene Hemdstoff hervor. Milroys linkische Erscheinung und seine übergroße Nase lassen an Mr Bean denken, einen Mr Bean mit kahl geschorenem Schädel. Er tingelt an der Küste der Moray Firth von einem Hafenstädtchen zum nächsten und stellt in zugigen Rathausfluren, in Sporthallen und Lobbys drittklassiger Hotels Schautafeln auf.

Die Moray Firth ist eine gut 150 Kilometer ins Land reichende und fast ebenso weite Förde, eine Kerbe, wie vom keltischen Mythenriesen Fionn mac Cumhaill mit einer gigantischen Axt in die schottische Nordseeküste geschlagen. Die Schautafeln präsentieren in den Farben Hellblau und Lindgrün einen fast ebenso gigantischen Eingriff in die Kontur des Landes: das größte OffshoreWindkraftwerk der Welt, über 300 Turbinen, die vor der Küste so viel Strom erzeugen sollen wie zwei Atomkraftwerke. Am 31. August 2012 wurden Antrag und Entwürfe eingereicht. Das Unternehmen Moray Offshore Renewables hat seinen PR-Chef Milroy auf Tour geschickt, um den Menschen das Projekt zu verkaufen.

In der 17.000-Einwohner-Stadt Peterhead kommen in acht Stunden gerade drei Besucher zu Milroys Roadshow, in der Kleinstadt Fortrose sind es ein halbes Dutzend. Zugegeben, sein Ausflug in die Welt der erneuerbaren Energien ist nicht gerade fesselnd inszeniert. Eine Schautafel zeigt unter ein paar Zeilen Text drei im Meer stehende Windräder, auf einer anderen Fotomontage kann man sehen, wie sich das Gewimmel der über 200 Meter hohen Turbinentürme von der 22 Kilometer entfernten Küste ausnimmt. Man sieht nicht viel mehr als ein winziges, an babylonische Schriftzeichen erinnerndes Gekrakel am Horizont.

Dennoch ist das Desinteresse überraschend. Windkraft gilt als heißestes politisches Thema im schottischen Norden. Das altehrwürdige Ross-shire Journal, dessen Verbreitungsgebiet einen guten Teil der Moray Firth ausmacht, veröffentlichte unter der Schlagzeile "Lasst unsere geliebten Berge in Ruhe!" die Ergebnisse einer Umfrage, in der 90 Prozent der Leser gegen die Zerstörung des urwüchsigen Charakters der Highlands durch den grünen Industrialisierungsschub votierten. Der schottische Bergsteigerverein nennt die Pläne der schottischen Regierung zur Totalversorgung des Landes mit Windstrom in acht Jahren "grotesk, schauderhaft, haarsträubend, entsetzlich".

Das Vorhaben in der Moray Firth überragt an Größe alles, es ist selbst im Rahmen der mit Hochdruck vorangetriebenen Ausbeutung der Seewinde um Großbritannien ein Projekt der Superlative. Das Königreich verfügt bereits jetzt über mehr Offshore-Windkraftkapazität als der Rest der Welt. Die bislang weltgrößten Meereswindfarmen stehen in der Themsemündung und vor der englischen Nordwestküste. Sie werden auf Platz zwei und drei rutschen, wenn eine ebenfalls in der Themsemündung im Bau befindliche Anlage fertig wird. Das Kraftwerk in der Moray Firth soll viermal und zusammen mit einer benachbarten Windfarm fast siebenmal so groß wie das dann weltgrößte Offshore-Kraftwerk werden. Im britischen Umgang mit dem Meereswind gilt: Big is beautiful.

In einem von kauflustigem Volk wimmelnden Shoppingcenter der Bezirkshauptstadt Elgin versteckt sich Milroy hinter seinen Bildern, als halte er das Desinteresse nicht mehr aus. In Buckie sitzt er auf einem Plastikstuhl in einem öden Gemeindesaal, dessen einziges Schmuckstück ein melancholisches Klavier ist, und wartet darauf, dass der Tag vorübergeht. Er ist mittlerweile so verkrampft, dass er überhaupt keine Fragen mehr beantworten will. Weder zu allgemeinen Streitpunkten wie der Einspeisung von so viel unregelmäßig erzeugter Energie in das Stromnetz noch zu den auf fünf Milliarden Euro geschätzten Kosten des gigantischen Unternehmens. Finanziert wird es von dem spanischen Ölmulti Repsol, dem portugiesischen Stromkonzern Energias de Portugal (EDP) und der China Three Gorges Corporation. Von jenem chinesischen Konzern also, der weltweit ins Gerede kam, als er während des Baus einer riesigen Talsperre und des weltgrößten Wasserkraftwerkes am Jangtsekiang die Umsiedlung von bis zu sechs Millionen Menschen erzwang. Repsol und EDP sind in Milroys PR-Broschüren aufgeführt. Die Chinesen nicht.

Der Sturm treibt schweren Regen durch Buckies Straßen und gegen graue Hauswände. Ich flüchte in den Eingang des Buckie and District Fishing Heritage Centre. Drinnen nimmt sich ein untersetzter, mitteilsamer Mann meiner an. George Smith, so heißt der vor Jahren in Rente gegangene Fischer, ist darauf erpicht, erst mal die seelische Fitness des unverhofften Besuchers zu testen. Er führt mich vor einen Schaukasten, in dem aufgeblasene Katzen- und Hundehäute ausgestellt sind – sie dienten einst als Bojen zum Wiederfinden von Netzen. Daneben Fotos von Cat’s Baw, einem ärmlichen Straßenzug, dessen Bewohner im 19. Jahrhundert die benötigten Miezen und Moppel züchteten. Es gebe Besucher, erklärt er fröhlich, die bei diesem Anblick sofort flüchteten.

Das Meer ist seit Jahrhunderten das Lebenselixier des Ortes. Ohne das Meer gäbe es Buckie nicht, es ist Buckies Glück und Buckies Leid. Smiths Kollege Adam Robertson führt mich seewärts zu einer 1982 von der Queen eingeweihten Gedenkkapelle. Die Rückwand ist mit Bronzetafeln auf rötlichem Holz bedeckt. Jede Tafel trägt die Namen ertrunkener Fischer – von über 200 Männern des 8.000-Einwohner-Städtchens; seit der Einführung moderner, dieselgetriebener Kutter haben sie die hochprofitable Jagd auf Fisch mit dem Leben bezahlt. Von 1977 bis 1985 verschwand fast jedes Jahr ein Boot mit sechs oder sieben Mann Besatzung. Ich erinnere mich noch gut an 1979, als zwei Kutter kurz vor Weihnachten sanken. Die Unglücksserie erschütterte ganz Schottland. Die meisten Toten waren junge Familienväter, andere gerade 16 oder 17 Jahre alt.