Er ist schnell, sehr schnell unterwegs, die perfekte Trainingsfahrt. Mit 138 Kilometern pro Stunde rast Daniel Albrecht, größte Hoffnung des Schweizer Skirennsports, am 22. Januar 2009 in Kitzbühel auf den Zielsprung zu. Dann kommt diese kleine Bodenwelle, kurz vor der Kante.

In der Tagesschau zeigen sie abends die Bilder: Albrecht, zu tief in der Hocke, kann den Schlag nicht mehr abfedern, es stellt ihn auf. Er gerät in Rücklage, rudert noch zweimal mit den Armen, dann schlägt er mit Rücken und Hinterkopf auf. Die Skier splittern, die Stöcke fliegen weg. Wie eine Marionette, der man die Fäden gekappt hat, schlägt es ihn nach vorne, nochmals auf den Kopf. Dann schlittert und schlingert sein Körper unkontrolliert weiter. Knapp vor der Ziellinie bleibt er liegen.

"Es waren mehrere kleine Risse. Da vorn, hinten und an der Seite." Daniel Albrecht legt sein Käppi auf den Salontisch, fährt sich über den Kopf und zeigt, wo die Verletzungen waren. Dann lehnt er sich weit nach vorn und macht vor, wie es ihm in der Kompression die Knie gegen die Brust geschlagen hat. "Ein bisschen Auf- und Gegenwind dazu, und du kannst nichts mehr machen." Wie in Zeitlupe hebt er den Oberkörper und lässt sich mit weit geöffneten Armen zurück in den Sessel fallen. Er setzt sein Käppi wieder auf. "So erkläre ich mir das zumindest. Ich kenne das ja nur vom Video."

Der Sportler im grauen Jogginganzug voller Sponsorenlogos passt so gar nicht in die mit falschem Gold und Alabaster verzierte Halle des Hotels Schweizerhof in Saas Fee. Das Bild, das er noch vor knapp drei Stunden auf dem Allalin-Gletscher geboten hatte, sah vertrauter aus: Daniel Albrecht, der Skirennfahrer im hellblau-rot-weißen Dress des Schweizer Ski-Teams, wärmt sich auf. Schwingt ein Bein hin und her, dann das andere, kreist die Arme in der Luft. Er lässt seinen Blick über die Walliser Alpen schweifen, während er den Start von Kollege Marc Berthod abwartet. Endlich steigt er in seine Ski, zieht die Schuhe richtig zu und macht sich bereit für seinen Lauf. Riesenslalom. Beim fünften Tor überdreht er ein wenig, beim siebten macht er einen Innenskifehler. Aber er zieht den Lauf voll durch.

"Heute war kein guter Tag. Ich konnte nicht umsetzen, was ich mir vorgenommen hatte." Dabei lief es in den letzten Trainings richtig gut. "Ich dachte, jetzt geht’s. Aber es ging nicht." Körperlich ist Daniel Albrecht wieder ganz der Alte. Von den schweren Verletzungen an Lunge, Leber und Nieren merkt er nichts mehr. "Aber wenn der Kopf müde wird, sehe ich es nicht mehr recht." Er fährt sich mit der Hand über die Augen, grinst und sagt: "Es ist wie beim Autofahren: Du weißt, gleich muss ich eine Linkskurve machen" – er klammert sich an ein imaginäres Lenkrad – "sie kommt näher, du weißt, was du tun müsstest, aber du kannst nichts tun."

"Ich bin sicher, dass es geht. Dennoch weiß ich, dass es nicht mehr klappt"

Wenn er ausgeruht ist, legt er wieder gute Trainingsläufe hin. Auch in Serie. Während der vergangenen Wochen in Argentinien und Zermatt konnte er mit den Besten mithalten, fuhr ab und zu auch Bestzeit. Aber für lange Pausen bleibt keine Zeit. Der Saisonauftakt steht vor der Tür. "Das stresst mich!" Und wenn er gestresst ist, verliert er den Überblick. Dann werden die Tore auf der Rennstrecke zum Stangenwald. Dann kann er nicht mehr antizipieren, nur noch reagieren. Statt seine Linie selbst festzulegen, sieht er Unebenheiten oder Übergänge zu spät, verliert zu viel Zeit, versagt.

Er kämpft auch sonst gegen die Zeit. Die Ärzte sagen, bei einem Schädel-Hirn-Trauma dauere es fünf Jahre, bis der Heilungsprozess abgeschlossen sei. Er steht jetzt am Ende des dritten. Sein Comeback 2011 sah vielversprechend aus, aber dann konnte er nicht an diesen ersten Erfolg anknüpfen. Inzwischen ist er auf eine so schlechte Startposition zurückgefallen, dass es für ihn immer schwieriger wird, Weltcup-Punkte zu gewinnen. Um Rennpraxis zu sammeln, müsste Albrecht in Europacup- oder FIS-Rennen starten. "Mit all den hoch motivierten – Kindern", sagt er schmunzelnd. "Ich bin 29. Da frage ich mich manchmal schon: ›Dani, was machst du hier eigentlich?‹"

Am 28. Oktober beginnt in Sölden die Saison. Daniel Albrecht verzichtet auf den Start, er fühlt sich nicht sicher genug. Aber aufgeben? Zurücktreten? Nein. "Nicht, solange ich Fortschritte mache." Und auch Sepp Brunner, sein Trainer, hält eisern an seinem Athleten fest. Er nimmt hin, dass der internationale Skiverband FIS den Antrag abgelehnt hat, Albrechts Verletztenstatus zu verlängern, dass er herabgestuft wurde in den B-Kader. Er kümmert sich nicht um fehlende Hundertstelsekunden oder aussichtslos hohe Startnummern. Er sagt: "Es geht um Dani. Der hat so unglaublich viel geleistet seit seinem Unfall, es wäre falsch, ihn nicht weiter zu unterstützen."