Wann wird in einem Land über soziale Gerechtigkeit gestritten? Im Detail, vor allem: mit Leidenschaft? Von der Antwort hängt viel ab, die Chancen der Sozialdemokraten bei der Bundestagswahl, womöglich auch das Ergebnis des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs, in dem es auf den letzten Metern ständig um Ungleichheit geht.

In Deutschland war vor etwa zehn Jahren, während der rot-grünen Sozialreformen, unentwegt von Gerechtigkeit die Rede. Es gab viel zu verändern und noch mehr zu verstehen, und es scheint, als hätten die Deutschen damals eine Lektion etwas zu gründlich gelernt. Diese Lektion lautete, dass Armut nicht nur ein materielles Problem sei. Christen sagen: »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.« Auch in reichen Familien verwahrlosten Kinder, hieß es. Andererseits fehle es Armen oft nicht an Geld. Nötig sei ein anderer Umgang damit, auf dass weniger Kinder ihre Tage mit Chips und Pizza vor dem Fernseher verbringen. Armut war plötzlich weniger ein materielles als ein kulturelles Phänomen.

Gleichzeitig entdeckte das Land damals viele neue Gerechtigkeitsprobleme . Plötzlich ging es weniger um Arm und Reich, als um Generationengerechtigkeit, Leistungsgerechtigkeit, Chancengerechtigkeit und so weiter.

Kein Wunder, dass mancher seitdem den Überblick verlor.

Mittlerweile besteht vor allem die Gefahr, dass soziale Probleme selbst dann nicht mehr erkannt werden, wenn sie offensichtlich sind. Wir haben uns angewöhnt, Interessengegensätze zwischen oben und unten, Reich und Arm nicht als das zu erkennen und zu benennen, was sie sind: harte materielle Verteilungskonflikte.

Am auffälligsten ist das bei der Integrationsdebatte. Sie wird oft geführt, als verliefe die gesellschaftliche Trennlinie, die überwunden werden müsste, vor allem zwischen Christen und Muslimen. Egal, ob verschiedene Bundesinnenminister zu Islamkonferenzen einluden oder der frühere Bundespräsident Christian Wulff behauptete, der Islam gehöre zu Deutschland: Integration will die deutsche Politik vor allem dadurch vorantreiben, dass sie verschiedene Religionsgruppen einander näherbringt. Diese Herangehensweise hatte in den vergangenen Jahren in Deutschland vor allem deshalb so prominente Unterstützer, weil unterstellt wurde, Integration in Deutschland scheitere vor allem an Meinungsverschiedenheiten über Kopftücher und beschnittene Vorhäute. Mal abgesehen davon, dass damit viele Migranten in eine religiöse Ecke gedrängt werden, die ihrem Lebensgefühl nicht entspricht, geht diese Art der Debatte auch am Kern des sozialen Konflikts vorbei.

Schließlich unterscheidet sich der nette Anwalt von nebenan, der in Teheran geboren wurde und, wenn überhaupt, zu Allah betet, in seinem Lebensstil oft nicht von seinen deutschen Kollegen. Für ihn muss die Regierung keine Islamkonferenz einberufen, und man muss sich um seine Integration auch keine Sorgen machen. Dasselbe gilt für den Zahnarzt aus Afghanistan und seine Töchter, ob sie nun Kopftücher im öffentlichen Dienst gut finden oder nicht.

Ernsthafte Probleme bereiten uns muslimische Jugendliche, die nachts unsere Autoreifen kaputt stechen. Aber sind gleichaltrige atheistische Jugendliche, die man gelegentlich an Tankstellen im Berliner Umland trifft, wirklich so viel angenehmer? Nicht die Religion, sondern der soziale Status, Bildung und Einkommen sind entscheidend für die Frage, wann Integration gelingt – und wann nicht.

Auch in vielen Debatten über Kinder und Familien, über Paare und Ehen wird in Deutschland an materiellen Konflikten gern vorbeigeschaut. Beispiel Ehegattensplitting: Oft wird übersehen, dass das Ehegattensplitting nur Familien aus dem besser verdienenden Teil der Mittelschicht nützt. Stattdessen klingt es, als müsste eine Sozialleistung für Mütter und Ehefrauen vor übereifrigen Reformern gerettet werden.

Dabei zahlt ein Fabrikarbeiter mit Ehefrau und mehreren Kindern ohnehin kaum Einkommensteuer, ihm helfen daher auch Abzüge nicht. Das Ehegattensplitting ist keine Sozialleistung für Hausfrauen. Es ist ein Transfer von unten nach oben, von sämtlichen Steuerzahlern an verheiratete Paare aus der Mittelschicht.