Es war ein Tag vor Rosch Haschana, dem jüdischen Neujahr. Ich saß mittags um zwölf beim Bayern in der Rochstraße und wartete auf Etgar. Weil Etgar in Charlottenburg die falsche U-Bahn genommen hatte und zu spät kommen würde, hatte ich schon mal einen Schweinebraten und ein Bier bestellt. Als der Schweinebraten kam, war Etgar immer noch nicht da. Ich aß auf und trank langsam das Bier aus und dachte, wie toll, er ist immer noch nicht da, ich kann gleich wieder gehen und muss nicht mit ihm reden, und wenn ich weit genug von der Rochstraße bin, schreibe ich ihm, dass ich mich darauf freue, wenn wir uns das nächste Mal in Berlin oder in Tel Aviv sehen. Genau in diesem Moment tauchte Etgar vor meinem Tisch auf und lächelte so lieb und manisch wie immer. "Schana Tova", sagte er. "Gutes Neues Jahr!"

"Schana Tova, Etgar", sagte ich. "Wenn du wüsstest, wie egal mir die Feiertage sind! Und jedes Jahr sind sie mir noch ein bisschen mehr egal." – "Egal? Oder noch schlimmer als egal?" – "Ich weiß nicht. Das sage ich dir, wenn wir gehen."

Ich mag Etgar. Obwohl er ein weltberühmter israelischer Schriftsteller ist – fast so berühmt wie Amos Oz oder David Grossman aber viel jünger und lustiger –, ist er sehr nett und praktisch gar nicht gestört oder egozentrisch oder unaufmerksam. Aber an diesem grauen, viel zu warmen und traurigen Samstag vor Rosch Haschana wollte ich mit niemandem reden. Ich hätte, dachte ich, während er sich hinsetzte und neugierig die Karte aufklappte, heute nicht einmal mit Saul Bellow oder Isaak Babel geredet, wenn sie in der Stadt gewesen wären und mich sehen wollten.

"Wie war deine Lesung? Es tut mir leid, dass ich nicht da war", sagte ich, nachdem wir für Etgar Pfifferlinge in Rahmsoße mit Semmelknödeln bestellt hatten, denn Etgar ist Vegetarier, obwohl er gar nicht so aussieht mit seinem gesunden, roten, männlichen Gesicht. Und bevor er etwas erwidern konnte, sagte ich: "Dein neues Buch ist toll, Etgar! Am liebsten mag ich die Geschichte von dem kleinen Jungen, der seinen Vater bittet, seine Großmutter umzubringen, weil sie ihn immer heimlich in einem dunklen Zimmer einsperrt."

Etgar lächelte höflich und diesmal überhaupt nicht manisch. "Und wie gefiel dir die Story mit der Cheeseburger-Kette, die Jesus Christ heißt? Die ist auch nicht schlecht, oder?", sagte er stolz.

Ich erinnerte mich sofort. Der Chef von Jesus Christ hatte klinische Depressionen und wollte sich wegen jedes kleinen Problems umbringen, und als er seinen Job aufgab, ging es ihm das erste Mal im Leben gut. Obwohl ich mit Symbolen sonst nichts anfangen kann, gefiel mir die Vorstellung, dass er Gott persönlich sein könnte, der keine Lust mehr hatte, sich schlecht zu fühlen, weil die Welt praktisch nie funktionierte. "Ja, die Geschichte ist auch sehr gut", sagte ich. "Glaubst du, Gott, wenn es ihn gibt, ist meistens auch so mies gelaunt wie wir?"

So fingen Etgar und ich einen Tag vor Rosch Haschana an, über Religion zu sprechen, und es dauerte nicht lange, bis wir uns stritten. Etgar, dessen Schwester über Nacht religiös wurde und mit ihrem Mann und ihren elf Kindern in Jerusalem lebte, verteidigte zuerst die Orthodoxen als Menschen, die doch auch nur Menschen seien, obwohl sie auf den ersten Blick wie besonders dämliche Holzköpfe wirkten. Darauf erwiderte ich, das würde nicht einmal ich sagen, obwohl ich jede Art von Religion körperlich unangenehm fände, Kommunismus und Feminismus eingeschlossen, und außerdem hätte ich von meinem linksliberalen, aber gottesgläubigen Schwager aus London gelernt, ohne die Thora und den Talmud sei die Aufklärung undenkbar, worauf wiederum Etgar ausrief: "Weißt du, was im Talmud steht? Wenn ein netter Goj und ein blöder Jude schwer verletzt sind, soll man sich erst um den Juden kümmern. Findest du das aufgeklärt?!"

In dieser Sekunde kam Niva ins Restaurant, die Niva, die früher in München jeden Schabbat mit Janusch, Josef und mir im Maon in der Theresienstraße Hühnersuppe und Tschulent gegessen hat. Sie grüßte uns fröhlich und fragte mich, ob ich denn nun morgen zu ihr zum Rosch Haschana käme oder nicht, es würde sogar gehackte Leber geben, viel besser als im Maon. "Danke, nein", sagte ich, "ich halte Gott und alles, was mit ihm zu tun hat, in letzter Zeit immer weniger aus." Niva verdrehte beleidigt die Augen und verschwand, ohne sich zu verabschieden, und Etgar, der Vegetarier, der bei dem Wort "gehackte Leber" kurz blass geworden war, sagte: "Ich habe den Eindruck, du findest die Feiertage schlimmer als egal. Wärst du Trotzki, würdest du sie abschaffen."

"Aber ich bin nicht Trotzki", sagte ich, und danach redeten wir nicht mehr über Religion. Wir redeten über die dreißig Seiten, die Etgar jedes Jahr schrieb, mehr nicht, und über den Tod seines Vaters, und über seinen Sohn, der neulich den stärksten Jungen in der Klasse verprügelt hatte und noch immer nicht der Meinung war, er sei jetzt selbst der Stärkste.

Als Etgar und ich uns eine halbe Stunde später am Hackeschen Markt verabschiedeten, fragte er mich, jetzt wieder so lieb und aufgeregt lächelnd wie immer, was ich morgen Abend machen werde, wenn ich schon nicht zu Niva gehe. Ich sagte, keine Ahnung, und dabei dachte ich, hoffentlich scheint morgen wenigstens die Sonne, hoffentlich wird der Sonntag nicht so grau und traurig wie es der Samstag war.

"Mein Flugzeug nach Tel Aviv geht ganz früh", sagte Etgar, bevor er im S-Bahn-Eingang verschwand, "und wenn Gott es mit mir, meiner Frau und meinem starken Sohn gut meint, bin ich zum Neujahrsessen rechtzeitig zu Hause."