Es gibt sie doch noch, die jungen Idealisten in der ukrainischen Politik. Nach aller Enttäuschung über die Orangene Revolution. In einem Land, in dem sich Parlamentsabgeordnete wie auf einem Basar dem Meistbietenden andienen. Wo die Gerichte als Helfershelfer des Präsidenten Viktor Janukowitsch die Oppositionsführerin Julija Timoschenko hinter Gitter bringen. "Trotzdem", sagen die jungen Politiker, "es muss sein." Gegen korrupte Politik wollen sie kämpfen und für eine zivilisierte Ukraine. Einer von ihnen kandidiert bei der Parlamentswahl am Sonntag. Er möchte die Chance, an die kaum einer glaubt, nicht verstreichen lassen.

Auf dem Weg zu den Wählern nimmt Wassyl Gatsko abends den tuckernden Stadtbus sow-jetischer Produktion, um durch die Straßen von Kiew zu fahren. Die Menschen quetschen sich hinein, die Scheiben sind beschlagen, die Türen knallen zu. Alle wollen schnell nach Hause. An der Straße des 40. Jahrestages der Oktoberrevolution steigt Gatsko aus. Ein Lichtfleck auf der Zufahrt zum dunklen Innenhof der Mietshäuser ist sein Ziel. Dort stehen sein Wahltransparent, bestrahlt von einem Paar Autoscheinwerfern, eine Leinwand, die der kalte Wind fast umweht, und ein Videoprojektor, der mit einem Warndreieck gegen vorbeirollende Parkplatzsucher gesichert ist. Hier soll Gatsko auftreten. Das grelle Licht blendet ihn, seine Zuhörer stehen im Dunkeln, weswegen das Ganze mehr nach einer polizeilichen Gegenüberstellung als nach Wahl-kampf aussieht. Nur kennt ihn hier kaum einer.

Gatsko prangert die Selbstbereicherung der ukrainischen Politiker an. Den Stimmenkauf. Manche Wähler bekämen 20 Euro auf die Hand, wenn sie versprächen, Janukowitschs Partei zu wählen. "25 Euro!", rufen die Umstehenden zurück. Der Kurs hat sich wieder geändert. Gatsko kritisiert seinen Gegenkandidaten von der Regierungspartei, einen Baulöwen, der die Wohnhäuser mit Staatsgeldern renovieren lasse, den Arbeitern aber Schutzwesten mit seinem Namen überziehe, als bezahle er alles. Er attackiert den Konkurrenten aus dem Timoschenko-Lager, den er verdächtigt, von Janukowitsch ausgesandt zu sein, um als vermeintlicher Oppositionskandidat letztlich die Regierung zu stützen. Taschenspielertricks und Pseudo-Oppositionelle – so verwirrend ist die Politik der Ukraine.

Gatskos Auftritt im Scheinwerferlicht hilft nur wenigen weiter. Zwei Dutzend Zuhörer stehen in sicherer Entfernung um ihn herum. Wer durch das Licht vorbeieilt, schlägt den Kragen hoch. "Wir setzen auch auf die Menschen, die rundherum auf den Balkons lauschen", sagt eine von Gatskos Wahlhelferinnen. "Das liegt den Ukrainern näher: zuhören, ohne gesehen zu werden."

Manchmal klingt Gatsko, ein 30-jähriger Ökonom, fast ein bisschen beliebig, als fordere die Kandidatur schon ihren Tribut. Aber seine Thesen sind nicht das Wichtigste: Parteiprogramme lesen in der Ukraine nur hartgesottene Politologen. Das Programm seiner jungen Partei Demokratische Allianz ist ein work in progress, christdemokratisch und irgendwo in der rechten Mitte. Gatsko muss eines bei den Wählern gewinnen: Vertrauen. "Selbst wenn Sie ins Parlament kommen und es ehrlich meinen", wendet ein Zuhörer ein, "werden die Mächtigen Sie kaufen oder unschädlich machen." Gatsko appelliert an den Glauben, auch einer wie er könne viel verändern. "Wir sind schon einmal von den Orangefarbenen betrogen worden", sagt ein Passant. Gatskos Wahlhelferin bittet: "Geben Sie uns eine zweite Chance."

Damals, 2004, war Wassyl Gatsko einer der Kämpfer der Orangenen Revolution. Jeden Morgen lockte er Studenten trotz ihrer Angst aus den Hochschulen auf die Straße, war für 5000 Aktivisten zuständig, suchte Wohnheimbetten für die Angereisten und blockierte den Präsidentenpalast, damit nicht heimlich Dokumente davongeschafft würden. Am Ende gewann Viktor Juschtschenko, der Kandidat der Revolution, und hielt kaum eines seiner Versprechen. "Wir dachten, dass ein Mann für uns das System ändern wird", sagt Gatsko. "Falsch. Wir müssen es selbst tun."