Ulrich Wilhelm erklärte den Deutschen kürzlich, welche Bedeutung Pressefreiheit für ihn hat. Kein Blankoscheck sei sie und kein Geschenk: "Der Preis, der sie rechtfertigt, ist erst der verantwortungsvolle Umgang mit ihr." Wilhelm ist Intendant des Bayerischen Rundfunks (BR) und einer der mächtigsten Männer des öffentlich-rechtlichen Systems; abgesehen davon war er mal Sprecher von Edmund Stoiber (CSU) und Angela Merkel (CDU). Bei seiner Rede stand er auf einer Kirchenkanzel.

Vier Wochen später müssen er und seine Kollegen zeigen, wie das im journalistischen Alltag der Anstalten aussehen soll, der eben nicht von Predigten bestimmt ist, sondern von Politikern und Parteienproporz. Das gilt für ARD und ZDF gleichermaßen. Einfach weil sie über eine Art Steuer finanziert werden und ergo von der Politik überwacht werden. Für die gewöhnliche Presse, die in der freien Marktwirtschaft bestehen muss, gilt das nicht. Auch hier werden Mitarbeiter von Sprechern angerufen, nehmen den Hörer ab und zucken mit den Achseln, mehr nicht.

Nun wurden zwei Fälle von politischer Übergriffigkeit bekannt. Interessant ist dabei nicht der Versuch als solcher, sondern der Ton: Im Falle von Horst Seehofers Sprecher Strepp war er dreist und drohend, bei Söders Sprecherin sogar selbstverständlich bittend – sie glaubte also, eine einfache Bitte genüge, die Macht der Gewohnheit, Gewohnheit der Macht. Hier liegt das eigentliche Problem der Öffentlich-Rechtlichen.

Diese Sender müssen sich seit ihrer Entstehung gegen Parteien wehren, die Einfluss auf sie auszuüben versuchen. Schuld daran ist vor allem ihre Struktur, nicht nur ihr Angewiesensein auf Gebührengelder. Noch einschüchternder wirken jene Ausschüsse, deren Aufgabe es ist, Inhalte zu beaufsichtigen. Dort sitzen machtbewusste Politiker, die den Journalismus dabei beobachten, wie er Machtpolitiker beobachtet. Das ist beim Rundfunkrat (ARD) nicht anders als beim Fernsehrat (ZDF). In Letzterem etwa kontrolliert der Programmausschuss Chefredaktion das politische Programm, rund die Hälfte der Mitglieder sind aktive oder ehemalige Politiker.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist auch eine Welt, in der Parteibücher und Gesinnung über journalistische Karrieren entscheiden. Redaktionelle Posten werden allzu häufig nach dem Prinzip "ein Roter, ein Schwarzer" vergeben. Wer nicht mehr reinpasst, fliegt raus oder steigt zumindest nicht auf. Unvergessen, wie die Roland Koch und Edmund Stoiber, damals noch Ministerpräsidenten, dafür sorgten, dass Chefredakteur Nikolaus Brender das ZDF verlassen musste; er war ihnen zu aufmüpfig geworden.

Manche sagen, er sei auch kein guter Chef mehr gewesen. Aber das ist genau das Problem: Niemals kann zwischen sachlicher Kritik und politischer Opportunität unterschieden werden, solange Politiker dort die Entscheidungen fällen. Zumal sie ja in der Regel von Politik viel, von journalistischem Handwerk hingegen eher wenig verstehen.

Kein Wunder also, dass auf diesem parteipolitischen Boden bei manchem Sprecher das Gefühl wächst, ein Anruf in der Redaktion könne nicht schaden. Letztlich weisen die Fälle Brender und Strepp also in die gleiche Richtung: Der Einfluss der Parteien im öffentlich-rechtlichen Rundfunk muss begrenzt werden. Nur wenn die Sender staats- und regierungsfern handeln, können sie ein gutes, freies, kritisches, spannendes Programm machen.

Am besten wäre es, Rundfunk- und Fernsehrat neu zu mischen und parteifern zu besetzen. Es ist aber naiv, zu glauben, Politiker würden ihre Macht freiwillig abgeben. Also muss man sie ihnen nehmen. Durch ein wenig mehr Zivilcourage etwa. Es wird – auch bei ARD und ZDF, nämlich nur so lange angerufen, wie Anrufe etwas bewirken.

Deshalb müssen sich die Rundfunk-Mitarbeiter zusammentun. BR-Intendant Wilhelm hat den verantwortungsvollen Umgang mit der Pressefreiheit gepredigt. Das ist sehr freundlich von ihm, doch es reicht nicht aus. Freiheit muss institutionalisiert werden. Etwa indem ein rein journalistisch besetztes Gremium etabliert wird, dem Mitarbeiter von besagten Politiker-Anrufen berichten können und das notfalls die Macht hat, einzugreifen. In anderen Unternehmen sind solche Whistleblower-Hotlines längst üblich. Auch sollte nicht mehr die Parteizugehörigkeit journalistische Karrieren befördern – Qualität reicht auch.

Für die Macher von Zeitungen sollte all das vor allem eines bewirken: Hört auf, von Subventionen zu träumen, hofft nicht darauf, dass die Politik euch vor der Krise rettet. Jeder Euro vom Staat kostet ein kleines Stück Freiheit.