In Deutschland stürzen Präsidenten über Kleinigkeiten: hier ein Darlehen von Freunden, dort die Gratis-Logis im Hotel, ein überschaubarer geldwerter Vorteil. In China sind die Dimensionen gewaltiger – wie es sich für ein Land mit der größten Bevölkerung und der zweitgrößten Wirtschaft auf Erden gehört. Jedenfalls dann, wenn man der New York Times glaubt, die auf drei Seiten eine Geschichte von Verfilzung und Korruption an der Spitze des Landes erzählt. Der Titel: Billions in Hidden Riches for Family of Chinese Leader. Etwa: "Der verheimlichte Milliardenschatz der Familie des chinesischen Regierungschefs".

Dem gegenwärtigen Premier Wen Jiabao kreidet die Times nichts an, nicht direkt. Umso hartnäckiger nimmt sie seine weitläufige Sippschaft ins Visier, acht Mitglieder insgesamt, dazu ein Dutzend im außerfamiliären Geflecht. Zum Beispiel Wens Mutter, 90 Jahre alt. Einst war sie ärmer als eine Pagodenmaus, jetzt sei ihr Vermögen 120 Millionen Dollar wert. Wens Bruder Jiahong habe 200 Millionen angehäuft. Die Schwiegertochter sei für 416 Millionen gut. Alles in allem: 2,7 Milliarden Dollar.

Dazu rühmt sich die Zeitung: Es sei nicht einfach gewesen, das Geflecht zu entwirren. Denn die "Namen der Verwandten werden verdeckt durch Schichten und Schichten von Partnerschaften und Verschachtelungen, die mit Freunden und Kollegen verknüpft sind". Puppen in der Puppe, aber dem Blatt sei es gelungen, ein "außerordentlich detailliertes Bild" zu zeichnen – "wie Leute mit guten politischen Beziehungen von ihren Positionen an der Schnittstelle von Staat und Wirtschaft profitiert haben". Eine etwas umständliche Formulierung für Vetternwirtschaft und Unterschleif. Indes behauptet die Times nicht, dass der Premier sich selber bereichert hätte.

Der Ministerpräsident schweigt, die Familie auch. Dafür meldeten sich zwei Anwälte in der South China Morning Post im fernen Hongkong zu Wort. Das Dementi war verhalten. Der Schlüsselsatz lautete: "Die sogenannten versteckten Schätze gibt es nicht." Dann: Gewiss seien Familienmitglieder in Geschäften unterwegs, das aber "allein verantwortlich". Schließlich die Drohung: "Wir behalten uns vor, die Zeitung gerichtlich zur Verantwortung zu ziehen." Nicht "wir werden", sondern "behalten uns vor".

In New York schoss die Times zurück: "Wir stehen zu unserer Story", einem "Musterbeispiel von hochprofessionellem investigativem Journalismus". Ist sie glaubwürdig? Die Times ist nicht berühmt für schludrige Recherchen. Außerdem steht viel auf dem Spiel, hat das Blatt doch im Sommer eine chinesische Ausgabe online gestellt; diesen Wachstumsmarkt würde sie nicht leichtsinnig riskieren.

Die Gerüchte kochten schon im März hoch; damals beteuert der Ministerpräsident, der im kommenden März, am Ende seiner zweiten Amtszeit, abtreten wird: "Ich habe nie persönlichen Gewinn angestrebt." Und: "Die Geschichte hat das letzte Wort." Aber schon heute darf man dem Bericht hohe Plausibilität unterstellen. Denn dieser wirft einen scharfen Lichtkegel auf einen chinesischen Kapitalismus, der im Westen gern mit einem freien Markt verwechselt wird. Es ist und bleibt eine Staatswirtschaft, die sich als Marktwirtschaft verkleidet hat. Und wo immer der Staat bestimmt, wer Kapital und Land, Genehmigungen und Vorteile bekommt, wuchern zwangsläufig Netzwerke der Korruption. Das ist ein eisernes Gesetz. Die Chinesen sprechen etwas vornehmer von guanxii, von persönlichen Beziehungen und Verpflichtungen.

Keiner hat den neuen Staatskapitalismus plastischer beschrieben als der Journalist Richard McGregor in seinem Buch The Party: The Secret World of China’s Communist Rulers: "Auf den Chef-Schreibtischen von Chinas größten 50-plus-Staatsunternehmen steht ein rotes Telefon, kein gewöhnliches. Es ist nur mit ähnlichen roten Apparaten in einem verschlüsselten System verbunden." Sie gehören der Nomenklatura in der Partei, der Regierung und den Staatsfirmen. "Ein Vizeminister berichtet, dass die Hälfte der Anrufe von hohen Parteikadern kommt, die Wohltaten für ihre Kinder, Neffen und Freunde ergattern wollten."

McGregor fährt fort: "Die Partei diktiert die Besetzung aller höheren Posten in den Ministerien und Unternehmen, Universitäten und Medien im ganzen Land." Die Moral von der Geschicht? Telefonieren ist besser als konkurrieren – sei’s um Posten, Pfründen oder Positionen. Vor allem in einer Wirtschaft, die von den SOEs, State-Owned Enterprises, beherrscht wird.

Das sind keine volkseigenen Betriebe wie in der DDR. Aber sie sind "gleicher" als die privaten Player. Sie leben von Steuervergünstigungen und Vorzugszinsen. Wenn diese Geschenke nicht ausreichen, kriegen sie direkte Kapitalspritzen vom Staat. Bei Regierungsaufträgen stehen sie ganz vorn in der Schlange. Die eine Hand wäscht die andere. "Die SOEs und ihre hundertprozentigen Töchter dienen zumeist den Interessen des Staates", resümierte vor Jahresfrist die US-China-Commission in ihrer Analysis of State Owned Enterprises and State Capitalism in China.

Wie viele Staatsbetriebe gibt es? An die 50.000. Oder doppelt so viele. Niemand weiß es so genau. Denn auch hier ist die Verschachtelung Prinzip – genauso wie bei der Familie Wen.

Derweil die Kapitalausstattung der privaten Unternehmen im vergangenen Jahrzehnt etwa gleich geblieben ist, hat sie sich bei den staatlichen versechsfacht. Anders als mancher China-Fan im Westen glaubt, läuft der Trend vom Markt zum Staat. Karl Marx würde angesichts dieses Phänomens über "Kapitalkonzentration" dozieren – aber in der Hand des Staates. Die Zahlen sprechen eine beredte Sprache. Die Profite der 500 größten Privatunternehmen (2009) erreichten nicht einmal das addierte Ergebnis von nur zwei Staatskonzernen: China Mobile und Sinopec.