Manche Dinge sind so nutzlos, die kann man nur sammeln: DDR-Postkarten mit staatstragenden Motiven etwa. Das wirkt natürlich wie ein sehr schrulliges Hobby, politisch auch etwas verdächtig. Erasmus Schröter hortet auf seinem Leipziger Dachboden an die 5.000 Stück dieser vergilbten Pappen – staatlich geprüfte Motive des voranschreitenden Sozialismus mit "Echt-Photo"-Stempel. Und es werden immer mehr. Hin und wieder kommen Pakete von Rentnern an, die Schröter ihre alten Sammlungen vermachen.

Eine erstaunliche Passion für einen Fotografen, der in der DDR zur künstlerischen Avantgarde gehörte. Und der statt schrullig eher misstrauisch wirkt. Schröter strahlt etwas ungemein Ernsthaftes aus, aber vielleicht liegt das nur am kantigen Kopf. Mittlerweile nehme er nicht mehr alle Karten, sagt er, die meisten habe er schon doppelt: den grauen Plattenbau in Halle, die jubelnden Besucher eines Sportfestes, das Thälmann-Denkmal. Es sind eigentlich genau die ideologiekonformen Bilder, gegen die Erasmus Schröter einst anfotografiert hat.

Gegen die sie alle damals anfotografiert haben. Die verordnete Zukunftsbegeisterung zu unterlaufen war ja die Herausforderung für die Autorenfotografen der DDR. Deren Bilder werden in jüngster Zeit wiederentdeckt. Von London bis Wien zeigten Ausstellungen die Klassiker der DDR-Fotokunst. Die größte läuft noch bis Ende Januar unter dem Titel Geschlossene Gesellschaft in der Berlinischen Galerie: Arno Fischers Bilder-Chronik des geteilten Berlin, Evelyn Richters entlarvende Aufnahmen vom sozialistischen Arbeitsalltag, die trotzige Intimität von Gundula Schulze Eldowys Aktporträts. Der Clou ist, dass manche der Bilder sogar den staatlich gewünschten Motiven auf den ersten Blick zum Verwechseln ähnlich sehen. Doch sie meinen das Gegenteil. Und zu den Künstlern, deren Fotos heute besonders geschätzt werden, gehört Erasmus Schröter.

1956 in Leipzig geboren, studierte er dort Anfang der achtziger Jahre Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB). Eines seiner Markenzeichen sollte ein Hang zu technischen Experimenten werden. Etwa mit dem Blitz. Schröter verwendet ihn auch tagsüber, was die Bilder flächiger macht und die abgelichteten Menschen mit einer wächsernen Künstlichkeit überzieht. Eine seiner Serien heißt schlicht Komparsen. Sie zeigt unauffällige Typen, unvorteilhaft ausgeleuchtet.

Als einer der ersten Autorenfotografen der DDR begann der Sachse, mit Farbe zu arbeiten. Eine leidige Angelegenheit. Denn die Filme von ORWO, dem einzigen Hersteller in der DDR, waren teuer und unzuverlässig, immer wieder ging was schief bei der Entwicklung. Für Schröter genau richtig. "Müde, lasche Farben entsprachen dem Atem der Zeit", sagt er. Dagegen stand zeitgleich die knallige Kodak-Farbigkeit im Westen.

Schröter läuft durch das fröhlich gelb gestrichene Wohnzimmer seines Leipziger Hauses, er sucht Fotos von sich aus der wilden Zeit, wie zum Beweis. Auf ihnen hat er eine provozierende Gelassenheit im Blick, wie einer, der keine Angst hat. Der 56-Jährige ist durchaus stolz auf den jungen Erasmus.

Dieser misstraute der damals als modern geltenden Schwarz-Weiß-Ästhetik: Die grobkörnigen Porträts, die den Menschen bei der Arbeit oder in Gedanken versunken zeigten, erschienen ihm zu schmeichelhaft. Hinzu kam: Schwarz-Weiß-Filme konnte man recht einfach zu Hause in der Badewanne entwickeln, unter Umgehung der staatlichen Fotolabore also. Der verhassten Zensur auf diese Art zu entgehen, erschien ihm zu bequem. Schröter ging auf Distanz zum offiziellen Kunstbetrieb, der für alles Genehmigungen forderte – bei dem Wort Genehmigungen malt Schröter Anführungsstriche in die Luft. Wenn er seine neuesten Bilder schon nicht ausstellen konnte, trug er sie stets in Pappschachteln mit sich herum – für den Fall, dass er auf jemanden traf, mit dem er den Inhalt diskutieren konnte. Mit Freunden organisierte er illegale Schauen, auf denen Punkbands spielten und Dichter lasen. "Eine Art subkulturelles Gesamtangebot", sagt er. Klar seien da auch Spitzel gewesen. "Wir dachten uns: Solln se doch gucken."