JAZZ: Zart megafoniert

Elf Balladen in drei Sprachen, Englisch, Deutsch und Schwyzerdütsch, und mittendrin streut Sophie Hunger noch eine Zeile Französisch ein: "Et la fatigue c’est la nouvelle folie." Gleichwohl macht einen die dritte Platte der 29-jährigen Schweizerin nicht müde, sondern verrückt nach mehr. Gegen alles zeittypisch Globale setzt sie die tröstliche Nähe ihrer Stimme. Da singt eine erwachsene Frau, stark, trotzig, zart, verletzlich, vom Wesentlichen des Lebens, von dem sie weiß, dass es immer noch vor ihr liegt. Nennen wir es zukunftsgerichtete Melancholie. Das Rubrum "Jazz" ist an dieser Stelle kühn gewählt, aber auch Jazzhörer müssen sich ja mal etwas trauen und werden reich belohnt. Zumal da die eigenwillige Sophie sich gern mit Jazzmusikern umgibt. Posaunenschmatzen hier, megafonierte E-Gitarre dort, atonale Klavierläufe – und wenn sie auf der Bühne steht: nur vor vollen Sälen! Ulrich Stock

Sophie Hunger: The Danger Of Light
(Two Gentlemen/Roughtrade)

DVD: Bis zur Raserei

Hans Christian Andersens gleichnamiges Märchen (ausdrücklich: "für Erwachsene") liefert die unmittelbare und die allegorische Vorlage für Michael Powells Film Die roten Schuhe (1948). Keine Tänzerin kann den roten Ballettschuhen widerstehen – um den Preis eines bis zur Raserei gesteigerten, unaufhaltsamen Tanzes. Jenseits davon gibt es kein Leben und keine Liebe. In dem mit psychedelischen Technicolorfarben gesättigten, frisch restaurierten Film ereignen sich einmalige Turbulenzen und Beschleunigungen aus dem Zusammenspiel von Tanz, Farbe, Musik und kinematografischer Bewegung. Zwischen Erschöpfung und Ruhepausen wird das Geschäft von Eifersucht und Besessenheit zelebriert, dessen tödliches Ende mit einem Tanz en plein air zusammenfällt. Powell und sein Produzent Emeric Pressburger sind so etwas wie die Turtleneck-Tweed-Fraktion des Kinos: Gern unterschätzt und enorm haltbar. Hanns Zischler

Michael Powell: Die roten Schuhe
(itv Studios)

POP: Midnight in Paris

Unwillkürlich hat man Gil Pender vor Augen, wenn man die ersten Takte der neuen CD von Alexandre Tharaud hört. Pender war Woody Allens Alter Ego in Midnight in Paris, wo er tagsüber halbwegs funktionierte wie ein zeitgemäßer Mann, nachts aber ganz zum träumerischen Schwärmer wurde, den der Regisseur Hemingway, Picasso und Gertrude Stein treffen ließ. Nun liefert der französische Pianist Alexandre Tharaud nachträglich den noch besseren Soundtrack zum Film, wenn er in mühevoller Kleinarbeit die dann ganz schwerelos klingenden Arrangements von Jean Wiéner und Clément & Doucet transkribiert, wie sie in den zwanziger Jahren im legendären Le Bœuf sur le Toit gespielt wurden. Dazu federleichten Gershwin und Cole Porter und ein paar erhebende Skurrilitäten: Isoldes Liebestod von Richard Wagner in einer zweiminütigen Foxtrott-Fassung. Superb! Mirko Weber

Diverse: Le Bœuf sur le Toit
Alexandre Tharaud, Klavier
(EMI)

DVD: Nur Sex

Sie entjungfern ein Mädchen aus bürgerlichem Hause (Isabelle Huppert), beglücken eine gerade aus dem Gefängnis entlassene Frau (Jeanne Moreau) und haben nur Sex im Kopf. Schnell spürt man, dass hinter den schlüpfrigen Sprüchen von Jean-Pierre und Pierrot eine Lebenshaltung steckt. In Bertrand Bliers Film Die Ausgebufften (1974) braucht die freie Liebe keinen Überbau. Hier schickt ein Regisseur zwei Proleten per Fahrrad, Zug und Auto durch die französische Klassengesellschaft, durch ein Land, das sich verändert. Gespielt werden sie von Gérard Depardieu und Patrick Dewaere: verwegen, jung, unverschämt lasziv. Zwei Männer, die sich in ihren Körpern wohlfühlen, ob nackt oder in Schlaghosen und Lederjacken. Die Ausgebufften ist ein sexualisiertes Roadmovie, das den Zeitgeist der siebziger Jahre zugleich atmet und erkundet. Es hat nichts von seiner frivolen Wucht verloren. Anke Leweke

Bertrand Blier: Die Ausgebufften
(Filmconfect/Edition Cinéma Français)

KLASSIK: Vorstadtgöre Carmen

So ein Mischpult hat doch sein Gutes. Bei der konzertanten Carmen von Rattles Philharmonikern in Berlin hatte es noch mächtig gekracht und gerummst. Im Mitschnitt nun wurden die Wogen geglättet, und es tritt klarer zutage, was diese Carmen will: eine freche, flinke Vorstadtgöre sein und nicht die kastagnettenklappernde Heroine ihrer Rezeption. Leider traut Rattle sich nicht, aus dieser (klugen) Idee wirklich Musik zu machen. Die Nahtstellen der Opéra comique interessieren ihn nicht, Übergänge werden grundsätzlich à tempo durchgeschlagen, und so schnürt sich ein Korsett. Anders als Magdalena Kožená, deren Carmen blass bleibt, weiß Jonas Kaufmanns Don José sich daraus effektvoll zu befreien. Das Niveau von Genia Kühmeiers Micaela aber erreicht auch er nicht: welche Souveränität, was für ein quellfrisches Timbre! Schade, dass sie bloß zwei Arien zu singen hat. Christine Lemke-Matwey

George Bizet: Carmen
Berliner Philharmoniker, Simon Rattle
(EMI)