Wenn sich zwei streiten, dann freut sich, wider Erwarten, der Dritte häufig nicht. Man nehme zum Beispiel die Volksbefragung über die Wehrpflicht: eine Situation, die nur Gewinner kennt, sollte man meinen. Zwei politische Gruppierungen können sich über eine grundsätzliche Frage nicht einigen, und deshalb delegieren sie die Entscheidung an die Bürger. Die Lehrmeinung besagt, dass sich nun die Politiker freuen müssten, weil sie sich jetzt nicht mehr festlegen müssen, und die Wähler, weil sie tatsächlich eine Wahl treffen dürfen. Doch so einfach ist die Sache nicht. Prinzipiell ist es eine löbliche Sache, das Volk zu befragen. Doch wenn das Volk so selten gefragt wird, fallen Antworten schwer. Noch dazu, wenn die Materie selbst für Experten zu kompliziert ist, um einen klaren Standpunkt einzunehmen.

Manche meinen daher, in der Debatte um ein Berufsheer werde gar nicht ernsthaft befragt, sondern nur eine Schießbudenfigur im Tarnanzug wie der berüchtigte Schwarze Peter hin- und hergeschoben. Andere hingegen glauben, es gehe lediglich um des Kaisers Barttracht, also um eine nur entfernt militärische Materie. Mitnichten. Vor allem nicht angesichts der brisanten Herausforderungen, die der Republik durch das nationale Vermächtnis erwachsen. Aus Südtirol wurde etwa bekannt, diese Heimatprovinz der Kaiserjäger bedürfe nicht mehr der Schutzmacht Österreich. Sofort warf sich in Wien der Bundeskanzler mit seiner typischen Verve in die Bresche und versicherte, Südtirol könne immer auf Österreich zählen. Es werde seine Autonomie schützen, jawohl! Große Erleichterung südlich des Brenners.

Aber was, wenn nun italienische Soldateska, ihre blutrünstige Fratelli d'Italia -Hymne auf den Lippen, in das heimliche zehnte Bundesland einfielen? Da wären plötzlich professionelle Streitkräfte bitter nötig. Eine Wehrmacht, die auch in der Lage wäre, die frechen Invasoren wieder aus den idyllischen Bergdörfern zurück in die Ebene zu jagen. Vielleicht müssten starke Garnisonen eine Zeit lang an den Alpengrenzen stationiert bleiben, um neuerliche Aggressionen schon im Keim zu ersticken. Wer weiß, wonach es hinterlistige Eidgenossen gelüstet. Da wird es, bei allem Sandwirt-Mut, mit den Freiwilligen-Kontingenten der Tiroler Schützen allein nicht sein Auslangen haben. Jetzt mehren sich allerdings die Gerüchte, wonach die Italiener längst in Südtirol eingedrungen wären. Ohne die Volksbefragung in Österreich abzuwarten. Nun muss die Republik wohl Zivildiener in den Abwehrkampf werfen. Weil das Volk zu selten befragt worden ist. Da kommt sicherlich nirgends mehr Freude auf.