Kann sein, dass es eine Schweizer Filmregisseurin ganz besonders danach drängt, topografische Ordnungen zu stören. Ursula Meier wäre nicht die erste Künstlerin, die sich vom selbstzufriedenen und kommerzialisierten Landschaftspatriotismus ihres Heimatlandes dazu provoziert fühlt. Meier, Jahrgang 1971, stammt aus der französischen Schweiz, aus Besançon, und topografische Umordnung scheint ihre Spezialität zu sein.

In ihrem ersten Kinofilm Home aus dem Jahr 2008 erzählte sie von einer Familie, deren Häuschen an einem stillgelegten Autobahnabschnitt steht. Die vierspurige Asphaltstrecke ist Vorgarten, private Rollschuhbahn und Sonnenterrasse samt Kinderplanschbecken. Das Szenario verliert sich im Lauf der Geschichte allerdings ein wenig im Surrealen und allzu Metaphorischen.

Jetzt kommt Meiers zweiter großer Film ins Kino, Winterdieb. Er lief bei der letzten Berlinale im Wettbewerb, erhielt eine lobende Erwähnung und demontiert die gewohnte Landschaftsoptik fast noch radikaler als Home. Nur ist Winterdieb um einiges realistischer, geradliniger und genau deshalb auch packender. Der Film spielt in einem Skigebiet der Schweizer Hochalpen. Selten kamen die Dreitausender so unerhaben, so unmalerisch, so zerrupft und abgewirtschaftet auf die Kinoleinwand. Wenn sie überhaupt auf die Leinwand kommen.

Denn je höher der zwölfjährige Simon mit der Seilbahn zu den Hochebenen des Wintersports hinauffährt, desto klaustrophobischer werden die Bilder, die Meiers renommierte französische Kamerafrau Agnés Godard zu großen Teilen mit der Handkamera aufgenommen hat. Jeder durchschnittliche Bergfilm würde, wenn Simon aus der Gondel aussteigt, sofort ein gewaltiges Panorama zeigen. Winterdieb zeigt konsequent die industrielle Unterseite des Skitourismus: schmuddelige Restaurantküchen, düstere Lebensmittellager, Müllsäcke, Abfallcontainer, Transportröhren. Da geht es nicht himmlisch weit, sondern verdammt eng zu.

Und Simon selbst ist alles andere als ein durchschnittliches Kind aus durchschnittlichen Verhältnissen. Simon ist ein skrupelloser Gewohnheitsdieb. Er stiehlt, je teurer, umso besser, Skier und Skiausrüstung der Touristen. Er stiehlt geschäftsmäßig und auf Bestellung, transportiert die Beute ins Tal und unterhält dort einen regelrechten Schwarzmarkt. Ein krimineller Ein-Mann-Betrieb. Ein verschlagener Parasit. Und der Ernährer einer Kleinfamilie, die so wenig familiär ist wie Ursula Meiers Bergwelt schön.

In einer heruntergekommenen Hochhauswohnung lebt Simon zusammen mit der heruntergekommenen Louise, einer jungen Frau, die nicht arbeitet, nichts verdient und sich seine Schwester nennt. "Meine Eltern sind tot. Autounfall. Kawumm", behauptet Simon, wenn er auf der Piste gefragt wird, was er hier allein treibt. Louise erträgt den Jungen nur, weil er sie finanziert, weil er ihr Geld gibt für ihre Sauftouren und Männerbekanntschaften. Einmal, in einer der ergreifendsten Szenen, bezahlt er ihr sogar 200 Euro dafür, dass er sich beim Einschlafen ein wenig an sie kuscheln darf. Wie ein Freier eine Hure bezahlt.

Es ist ein schlimmer und ein entscheidender Filmmoment. Bis dahin ist es ziemlich leicht, Mitleid zu haben mit Simon. Aber schwer, ihn auch zu mögen, diesen verschlagenen Jungen mit dem Blick kalt sortierender Habgier und dem raubvogelhaft gebogenen Nacken eines alten, abgebrühten Ganoven. In dem Moment, in dem Simon sich neben Louise aufs Bett legt, vorsichtig seinen Kopf auf ihren Bauch schiebt und aus der Ganovengestalt plötzlich das bedürftige Kleinkind schlüpft wie das Küken aus der Schale, geht ein Ruck durchs Zuschauerherz. Und ein Ruck durch den Film. Denn von jetzt an weitet sich die Geschichte zur Tragödie zweier Menschen, deren Deprivation ihr gemeinsames Gefängnis ist.

In dieser Tragödie gibt es ein Geheimnis. Und allein die Gelassenheit, mit der Ursula Meier die Enthüllung dieses Geheimnisses verzögert bis weit in die zweite Filmhälfte, zeigt die Klarheit, die dramaturgische Schönheit und die Reife von Winterdieb.

Die Kunst eines Filmemachers besteht auch darin, große Künstler um sich zu versammeln. Ursula Meier hat diese Gabe. In Home spielte Isabelle Huppert die weibliche Hauptrolle. Kacey Mottet Klein ist in der Rolle des Winterdiebs ein Nachwuchsgenie. Am Ende, nach Kämpfen und Prügeleien, gibt es einen Hoffnungsschimmer für die beiden. Für die Schweizer Alpen nicht. Sie stehen auch im letzten Bild grau, formlos, nichtssagend im Hintergrund herum.