Am Montag wusste man sogar, wie das Programm intern heißt: "Accelerate". Unter diesem Namen soll die UBS demnächst radikal umgebaut werden, das Investmentbanking wird abgespeckt, Tausende Mitarbeiter dürften dann ihren Job verlieren. Das Management unter Sergio Ermotti will die größte Bank der Schweiz damit vollends von den finanziellen Risiken des alten Investmentbankings befreien.

Das meiste, was im Rahmen dieses Umbaus an internen Sitzungen besprochen und geplant wurde, landete jeweils flugs in der Öffentlichkeit. Die Mitarbeiter in London, in der Trading-Zentrale in Stamford oder in der Informatikabteilung in Zürich durften wahlweise in der Financial Times, bei Bloomberg oder im Tages-Anzeiger nachlesen, dass ihre Stellen bedroht sind.

In den Schweizer Banken, einst Sinnbild für Diskretion, klaffen dieser Tage besonders große Löcher. Auch bei Credit Suisse steckten die Mitarbeiter, vor der Bekanntgabe der neusten Quartalszahlen, den Medien Interna über geplante Stellenstreichungen – Informationen, die von der Konzernspitze dann allerdings umgangen wurden. Die Credit Suisse beschränkte sich darauf, allgemeine neue Sparziele zu verkünden. Aber auch dies fügt sich in ein desolates Gesamtbild der Branche. Es herrscht Frust und Tratscherei. Die Bankangestellten fürchten sich offenbar vor der Zukunft, weil die Unternehmen massiv sparen müssen, sowohl in der Schweiz als auch weltweit. Düstere Gerüchte jagen sich. Die Loyalität schwindet. Ein tiefer Graben gähnt zwischen den Unternehmen und ihren Angestellten, die jederzeit damit rechnen müssen, zum Austrittsgespräch bestellt zu werden.

"Erinnern Sie sich einfach mal, wie lange in großen Häusern wie UBS und Credit Suisse schon über das Investmentbanking diskutiert wird", sagt Heinz Geyer, "und wie lange die schon ständig neue Abbauprogramme anstoßen." Geyer, einst selbst Investmentbanker, leitet heute in der Londoner City ein Rekrutierungsunternehmen für die Finanzindustrie. "Das läuft schon seit Jahren", sagt er. "Und so etwas muss natürlich intern Folgen haben." Der Ist-Zustand als Dauerprovisorium. Teams werden stetig neu gebildet und umgruppiert, bestehende Arbeitsgruppen erhalten regelmäßig neue Chefs. Zugleich führen die internen Beurteilungssysteme dazu, dass jeder sich selbst am Nächsten ist. Ein fixer Prozentsatz jedes Teams erhält am Jahresende gute Noten, während eine ebenso präzise Anzahl Mitarbeiter schlechte Noten kriegt. "Jeder wird individuell gemessen und entlöhnt", sagt Bankenberater Geyer. "So etwas fördert natürlich eine politische Unternehmenskultur."

Politisch, das heißt: Es wird viel gerangelt. Und wer seine Position stärken kann, indem er interne Geheimnisse verrät, der tut dies auch. Damit erklärt sich wohl auch die verärgerte Mail, in der Sergio Ermotti am 13. Oktober, einem Samstag, die Zustände in seinem Haus aufgriff. "Persönlich enttäuscht bin ich heute", schrieb der Chef an die 63.000 Angestellten, "weil es Leute in der Bank gibt, die unverantwortlich oder lediglich in ihrem eigenen Interesse handeln, indem sie zu diesen Spekulationen beitragen. Diese werden dann in den Medien aufgenommen, selbst wenn einiges falsch und an den Haaren herbeigezogen ist." Auch diese Mitteilung landete sogleich bei der Presse.

Aber von den Geheimnissen, um die es Ermotti wirklich ging, wusste nur ein kleiner und ausgewählter Kreis in den Topetagen der Großbank, also nur die wenigsten der 63.000 Angesprochenen. Was hier in aller Öffentlichkeit ausgetragen wurde, war also eher ein Machtkampf an der Firmenspitze als eine Unmutsbekundung der Personalbasis.

Dass Unsicherheit oder Arbeitsfrust zwangsläufig zu Verrat und Treulosigkeit führt – diese Formel greift denn auch für Denise Chervet zu kurz. "Von den Bankangestellten, die Kunden-CDs verkauften, war auch keiner in einer Lage, wo er um seine Stelle fürchten musste", sagt die Geschäftsführerin des Bankpersonalverbands. Im Grundsatz sei die Loyalität in den Schweizer Banken keineswegs gesunken: "Das Problem betrifft höchstens eine Minderheit." Natürlich herrsche eine gewaltige Unsicherheit beim Personal, so die Angestelltenvertreterin weiter. Die Arbeitsbelastung sei in vielen Instituten gewaltig gestiegen, und vielerorts hätten die Mitarbeiter nur noch wenig Ahnung, wohin sich ihre Stelle entwickle. Dass die Identifikation mit der Firma da schwerer falle, sei logisch. Dennoch seien die Banker auch heute noch überaus korrekte Angestellte.

Das Problem für die Banken aber ist: Wenige Branchen verlangen von ihren Mitarbeitern derart viel Diskretion und Firmenloyalität. Zugleich haben die Unternehmen selbst ihren Mitarbeitern in der aktuellen Lage wenig Sicherheiten zu bieten. Sie werden in den nächsten Monaten und Jahren nochmals Tausende Mitarbeiter entlassen müssen. Und dass mehrere Schweizer Banken im Frühjahr massenhaft Mitarbeiterdaten in die USA sandten, wurde von vielen Angestellten als grundsätzlicher Schlag empfunden. "Wir haben festgestellt", sagt Denise Chervet, "dass sich seither mehr Leute bei uns informierten. Es scheint klar, dass die Identifikation mit der Bank heute mehr hinterfragt wird."

All dies trifft sich mit einem allgemeinen Trend. Angestellte der jüngeren Generation – geboren zwischen 1980 und 2000 – erwarten keinen Arbeitsplatz fürs Leben. Dies ergab unlängst eine Erhebung des Wirtschaftsprüfungskonzerns PwC. Eine große Mehrheit rechnet damit, im Laufe ihrer Karriere für mindestens zwei bis fünf verschiedene Unternehmen tätig zu sein, über ein Viertel erwartet sogar, für sechs oder mehr Firmen zu arbeiten. Zugleich aber seien diesen Angestellten die Werte der Unternehmen, aber auch die persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten besonders wichtig – wichtiger als Geld.

Die Banken stecken in der Falle. Vorbei sind die Zeiten, als sie jede innere Spannung mit hohen Boni zukleistern konnten. Und den neuen Sinn ihres Tuns haben sie auch noch nicht gefunden. Die Löcher, sie werden weiter klaffen.