Zwei junge Bremer sind vergangene Woche auffällig geworden beim Versuch, ihre Stadt zu verlassen. Sie begaben sich zum Flughafen, denn sie mussten dringend nach Paris. Das Flugzeug war angeblich ausgebucht, doch die beiden Reisenden gaben sich mit dieser Abfuhr nicht zufrieden. Sie überwanden die Sicherheitsschleusen und spurteten aufs Rollfeld, hin zur französischen Maschine, um beim Piloten, sozusagen beim Anbieter persönlich, zwei Tickets nach Paris zu lösen.

Was wollten sie in Paris? Sie wollten zu einem Konzert der Rockband The Rolling Stones. Die Stones, so war im Netz bekannt geworden, spielten am selben Tag in einem Club namens Trabendo am nordöstlichen Rand der französischen Hauptstadt – vor nur 700 Leuten, für den symbolischen Eintrittspreis von 15 Euro.

Die Stones waren ihren Fans in den letzten Jahren so ferngerückt wie der Mars, es waren lebende Weltwunder und sogenannte Stadionrocker geworden, die man als Konzertbesucher allenfalls mit dem Feldstecher sehen konnte, und so war es eine Sensation, dass sie sich nun im Trabendo gleichsam zum Anfassen präsentierten. An so einem Tag müsste es doch auch möglich sein, dass man in aller Freundschaft einen französischen Piloten anfasst – das dachten sich zumindest die beiden Bremer Stones-Fans. Leider wurden sie von den Sicherheitskräften des Flughafens abgefangen, und Paris haben sie nie erreicht.

Die Stones gaben wenige Tage nach ihrem Club-Auftritt noch ein anderes intimes Konzert in Paris – diesmal war es ein Privatauftritt für 600 exklusive Gäste des Investmentunternehmens Carmignac Gestion. Der schmutzige kleine Gig im Trabendo hatte den Stones nur dazu gedient, ihren Markenkern zu polieren, sprich: ihre alte street credibility aufzufrischen, ehe sie dann vor den Höflingen des Geldunternehmers spielten.

Einstmals, liebe Kinder, aber das könnt ihr nicht wissen, denn das war lang vor eurer Zeit, haben die Stones ein Album veröffentlicht, das Beggars Banquet (»Bankett der Bettler«) heißt. Darauf findet sich ihr Song Street Fighting Man, der von den Pariser Studentenunruhen inspiriert wurde und dazu aufforderte, die Barrikaden und Sicherheitsschleusen dieser Welt zu überwinden. Aber das ist 44 Jahre her. Die Dinge ändern sich. Heute geben die Stones in Paris ein Hofkonzert für die neuen Herren der Welt, die Banker und Investmenthändler. What a shame! Mick Jagger, wenn Sie einen Funken Anstand haben, dann wissen Sie, was als Nächstes ansteht: ein Abbitte-Konzert für die deutschen Flughafenstürmer, nur für diese beiden, in einem kleinen Club direkt am Bremer Rollfeld.

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