Wer sich in München ein Fußballspiel anschauen will, muss vorher eine Stunde reisen. Wer für Paderborn jubeln möchte, lässt sich per Bus aufs vorstädtische Ackerland ruckeln. In Hamburg heißt es viermal umsteigen, um den HSV zu sehen. Doch es gibt ein schöneres Fußballfanleben – für Fans des FC St. Pauli nämlich. Die stolpern von der Reeperbahn direkt hinein ins Millerntorstadion. Dorthin, wo laut Fangesang "niemand siegt" – außer dem FC St. Pauli.

Dass der Verein, der sich nicht nur als Teil des Kiezes versteht, sondern auch noch mittendrin spielt, immer mal auf- und absteigt, nimmt der Anhänger in Kauf. Schließlich zählt, was am Millerntor immer zu spüren ist, ganz egal, in welcher Liga: die Authentizität eines ganzen Stadtteils und seiner Bewohner – Alte, Seltsame, Kinder, Migranten, Punks und Intellektuelle. Das Stadion war lange eine fürchterliche, einsturzgefährdete Bruchbude – an die der Bildband Millerntor mit Aufnahmen erinnert, die man inzwischen als historisch bezeichnen kann.

Seit einiger Zeit wird das Stadion Jahr für Jahr, Stück für Stück erneuert. Nach der legendären Gegengeraden fehlt jetzt nur noch die Nordkurve. Obwohl sich das Stadion herausputzt, ist sein Geist dabei nicht verloren gegangen. Siegt der FC in der Nachspielzeit, drehen die Leute auf den Stehplätzen verlässlich durch. Die Bierdusche ist in der Ära der Pfandbecher zwar etwas selten geworden; aber auch sie gibt es, immer noch.