Auch Tiere brauchen Medien, um zu Stars zu werden. Die Konjunktur, die das Erdmännchen vor einiger Zeit als Stofftier erlebte, wäre nicht ohne die Fernsehreportagen zu erklären, die sein lebhaftes Sippenleben, vor allem das hoch aufgerichtete Verharren in der Wächterposition – mit den rührend herabhängenden Ärmchen! – so populär gemacht haben. Die Erdmännchen in Plüsch stapelten sich an den Kassen der Spielzeuggeschäfte, Warenhäuser, schließlich sogar Flughafenramschläden. Vorübergehend wurden sie zum Kindermitbringsel schlechthin, obwohl sie zu Zwecken des aufrechten Stehens viel zu fest gestopft werden mussten, um weich genug fürs Liebhaben zu sein. Ein Erdmännchen ist definitiv kein Kuscheltier, seine Niedlichkeit in natura beruht genau auf jener Eigenschaft – dem nervös angespannten Aufgerecktsein –, die es jeder Flauschigkeit beraubt.

Ganz anders das Krokodil. Furchterregend in der Wirklichkeit, noch furchterregender im Tierfilm, wenn es eine ganze Antilope unter Wasser zieht, lässt es sich doch zu einer wunderbar warmen Bettwurst gestalten. So ein Plüschkrokodil, von ungefähr der Länge eines Zweijährigen, ist der liebenswerteste Schlafgenosse überhaupt. Der Rest von Schrecken, der ihm noch innewohnt, taugt zur Beruhigung des Kindes, gegen böse Geister und böse Tanten zuverlässig verteidigt zu werden. In den weichen Bauch der Echse lässt sich auch getröstet hineinweinen, wenn man von den Eltern ungerecht behandelt wurde. Vielleicht fasst das Kind sogar den trotzigen Gedanken, im Krokodil einen Schicksalsgenossen zu haben, der ebenfalls daran gewöhnt ist, einem übelwollenden Blick der Umgebung ausgesetzt zu sein.

Der Steinbock dagegen, der in seiner gebirgigen Heimat niemand etwas zuleide tut, von dem alle nur lieb oder als Jäger begehrlich denken, hat im Kinderbett nichts Gewinnendes. Mit seinen harten Hörnern ist er ein rechtes Ärgernis. Das Netteste, was sich von ihm sagen lässt, ist seine Eignung als Begründung dafür, nächtlich ins Bett der Eltern umziehen zu müssen – "der Steinbock drückt so!" Ja, und das tut er, verflucht noch mal, kein Erwachsener wäre bereit, mit einem solchen das Lager zu teilen. Wie schön wäre es, an seiner Stelle eine lebensgroße Anakonda zu haben, die sich biegsam um Leib und Glieder schmiegt.

Die Paradoxie des Stofftiers, die das reale Verhältnis von Gut und Böse umkehrt, findet allerdings dort eine Grenze, wo das Flauschige schon in der Natur vorliegt, dort aber eklig wirkt. Wir sprechen von der Vogelspinne. Einerseits lässt sie sich, da von Natur aus pelzig, besonders leicht in Plüsch nachbilden, andererseits behält sie in der Nachbildung genau jene Falschheit, vor der uns so graut – weich wie ein Säugetier und doch giftig und kalt. Der Reiz des Stofftiers beruht ganz offenbar nur einerseits auf der realistischen Anmutung, andererseits braucht es ein gerüttelt Maß an Verfremdung, um unser Herz zu gewinnen.

Es ist damit wie in der Kunst. Ein Kriegsfilm, den wir bewundern, ist etwas anderes als Krieg. Es geht hier gerade nicht um Ähnlichkeit in der Sache. Der Kriegsfilm ist das Krokodil, das wir mit ins Bett nehmen können. Wir sitzen warm im Kino, während der Held auf der Leinwand verblutet. Man kann sich den Punkt mit einem Gedankenspiel erklären: Würde es einen Soldaten beim Sterben unterhalten, dabei einen Film zu sehen, der Kinozuschauer in ihren Sesseln zeigt? Es geht nur umgekehrt. Man könnte auch einen Steinbock, den die Jäger jagen, nicht durch einen Waidmann aus Plüsch trösten oder ein hungriges Krokodil mit einer Stoffantilope. Für den Kunstgenuss braucht es die menschliche Fantasie.