Keine Rechtszusage hält dich am Leben. Es ist nur deine eigene von Tag zu Tag erneuerte Unverfrorenheit, die dich weiter auf dem Posten bleiben lässt", hält Peter Sloterdijk in Heft 102 seiner jüngst erschienenen Notizbücher Zeilen und Tage selbstironisch fest. Nietzsche, folgert er, sei in dieser Stimmung auf die These vom Willen zur Macht gekommen. Sloterdijk hingegen hatte dann doch mehr Appetit auf eine Art philosophisches Praliné: eine Oper.

Seine Fantasien zum Thema Babylon trafen auf einen Traum, den der fünfundzwanzig Jahre jüngere Münchner Komponist Jörg Widmann seit Kindertagen hegt. Wird in Babylon nicht doch mehr gewesen sein als Hurerei und Sprachverwirrung, hatte sich Widmann immer gefragt? Schließlich ging er mit seinem Partner noch einmal zum Fluss zurück. Danach produzierte Sloterdijk ein anspielungsreiches, teils auf eine Revision des Orpheus-Mythos und auf Schönbergs Moses und Aron zielendes, aber auch irgendwie sehr wurstiges Libretto, dem Widmann zwei Jahre lang treu ergeben war und buchstäblich in der letzten möglichen Sekunde vor der Uraufführung eine monströse Partitur hinterhergeschoben hat. Aufgeführt hört sie sich trotz aller Umsicht und Dezenz des Dirigenten Kent Nagano im Münchner Nationaltheater an, als wolle Widmann mit der (oft glänzenden) Speckseite nach Sloterdijks Wurst werfen. Folgerichtig inszenieren die in ihrer Aufgekratztheit immer lahmer werdenden Katalanen von La Fura dels Baus dreieinhalb Stunden lang vor allem: viel Fleisch.

Stark verkürzt gesagt, steht im Münchner Nationaltheater Tammu (Jussy Myllys) zwischen zwei Frauen und zwei Religionen. Zurück zum Monotheismus, zu Gesetzestreue, Bärten, Buchstaben und zur keuschen Seele (Claron McFadden) zieht es ihn weniger als – alle Lust will Ewigkeit! – hin zur Liebesgöttin Inanna (Anna Prohaska). Man darf sich Tammu ein bisschen wie Tannhäuser vorstellen. Nur weniger abgründig.

Inanna schwebt auf die Szene wie Mozarts Königin der Nacht und koloraturt mächtig vor sich hin, bevor – was oft geschieht – auf Sprechmodus umgestellt wird. Der ist zunächst manierlich singspielhaft, aber einschlägig unterfüttert. Inanna und Tammu kommen sich auf der Grundlage des Buches Rut nahe: "Wo du hingehst, dahin gehe ich auch." Kurios ruht ein Segen auf der Beziehung. Inanna rettet Tammu aus der Unterwelt, und Babylon rettet sich – mit einem nicht kenntlich gemachten Gottfried-Benn-Zitat, dem Ende aus Menschen getroffen – in die Beliebigkeit: Sloterdijk, der ehemalige Bhagwan-Jünger, apostrophiert eine Art Münchner Religionsfrieden.

Darüber hinaus bleiben seine poetischen Versuche, auf Personen übertragen, reine Konstrukte. Parolen für Pappkameraden, nicht für Menschen. Theatertauglich sind sie lediglich in dekorativer Hinsicht. Und La Fura dels Baus pixeln zwar, was ihr Computerzeugs hält, reichen aber auch nicht über artifizielles Heimwerkerniveau hinaus. Für Sloterdijks latente Altherrenerotik wird das Niveau sogar noch einmal gesenkt: Die Ästhetik der ausführlichen Brustbeschau stammt aus den Tele-Tagen von Tuttifrutti.

Und Jörg Widmann? Man hätte ihn für weiter gehalten, denn genialer imitatorischer Tausendsassa mit eigenem Kammer- und Grundton war er ja bereits anlässlich der ebenfalls in München uraufgeführten Oper Das Gesicht im Spiegel vor zehn Jahren. Ein Riesenversprechen! Damals stammte das Libretto des Zukunftsstücks von Roland Schimmelpfennig (einem Dichter!). Widmann hat nichts verlernt, er kann sekündlich die Farben wechseln und von avantgardistischem Schrabben auf terzenseligen Musical-Sound oder finster fallende Quinten stellen: Richard Strauss, aber auch Wolfgang Rihm lassen grüßen. Namentlich in der Chorbehandlung und im gigantischen Orchestersatz der Euphrat-Szene ist Widmann ein konstruktiver Koordinator von Format. Nur, dass man sein Herz nicht mehr hört, ist offenkundig. Und dass er teils seine Seele verkauft, tut weh. In die Karnevalsszene nach der Sintflut mischt Widmann nicht nur den bayerischen Defiliermarsch, sondern auch noch die Lustigen Holzhackerbuam. Traurig, wahr: Babylon, als vollfette Crème bavaroise angerührt in dieser Art wirklich nur in München denkbar, steht für einen ziemlichen Tiefpunkt in der Neuen Musik unserer Tage.