Nichts ist entschieden – aber die deutschen Soldaten sollten schon mal nachschauen, wo genau eigentlich Mali liegt. So lautet, auf einen kurzen Nenner gebracht, der Stand der Debatte um einen möglichen neuen Auslandseinsatz der Bundeswehr. Abgesehen davon natürlich, dass die Kanzlerin nun mit einem Thema zu tun hat, das ihr nicht gefallen kann.

Raus aus Afghanistan – und rein nach Mali. Während die Bundeswehr gerade den Abzug ihrer Kampftruppen vom Hindukusch bis Ende 2014 organisiert, bringt Angela Merkel eine neue Mission ins Spiel. Deutsche Truppen könnten sich demnach bald schon an einer Militäroperation beteiligen, die verhindern soll, dass sich der Norden Malis zu einem Rückzugs- und Ausbildungsgebiet des internationalen Terrorismus entwickelt. Unter deutschen Verteidigungsexperten wird nun heftig diskutiert, was konkret die Bundeswehr zum Gelingen des Einsatzes beitragen könnte und sollte. Die Diskussion leidet allerdings darunter, dass niemand weiß, was von den Soldaten verlangt wird.

Die schwarz-gelbe Bundesregierung ist sich einig darin, dass es sich bei der möglichen Entsendung auf keinen Fall um einen Kampfeinsatz, sondern lediglich um eine Ausbildungsmission handeln werde. Ansonsten weiß sie, eigenen Bekundungen zufolge, nicht allzu viel. Nicht, wie viele deutsche Soldaten entsendet werden könnten. Nicht, ob die Ausbilder von bewaffneten Truppen geschützt werden müssen, was die Zustimmung des deutschen Bundestages erforderlich machen würde. Nicht, wo die Ausbildung erfolgen soll, im unsicheren Norden Malis, im ruhigeren Süden oder im angrenzenden Ausland. Ja noch nicht einmal, wer ausgebildet werden soll, ist klar: die Truppen der westafrikanischen Staatengemeinschaft Ecowas, die, so ist es geplant, das Hauptkontingent stellen werden – oder die malische Armee. Aber wie wollen deutsche Ausbilder eine 2000 Mann schwache Truppe, der Verteidigungsminister Thomas de Maizière einen "erbarmungswürdigen Zustand" bescheinigt, binnen kurzer Zeit zum erfolgreichen Kampf gegen die islamistischen Milizen befähigen?

Der UN-Sicherheitsrat hat am 12. Oktober eine Mali-Resolution verabschiedet, die vorsieht, innerhalb von 45 Tagen konkrete Vorschläge zur Lösung der Krise zu erarbeiten. Ein Militäreinsatz von Ecowas-Kräften soll demnach durch europäische Militärverbände unterstützt werden, so viel steht bereits fest. Die EU-Außenbeauftragte Lady Ashton will am 19. November einen konkreten Plan vorlegen, wie die Unterstützung Europas aussehen soll. Solange Ashton ihre Vorstellungen nicht präsentiert habe, könne man nichts Detailliertes über die Rolle der Bundeswehr sagen, heißt es in Regierungskreisen. Nichts zur Zahl, nichts zum Ort, nichts zur Bewaffnung, nichts zum Ausbildungsgegenstand. Nur eins sei klar: Es gehe um die "Befähigung anderer", um einen Einsatz mit "afrikanischem Gesicht".

Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel war weniger zurückhaltend – und zog damit den Unmut der Kanzlerin auf sich. In seinem etwas linkischen Bemühen, eine überraschte Öffentlichkeit nachträglich auf einen Afrika-Einsatz der Bundeswehr vorzubereiten, beschrieb er Mali als "Land am Abgrund", das nicht verloren gehen dürfe – sonst "droht uns ein zweites Afghanistan". Der Bundeswehrverband warnte vor einem "Rutschbahneffekt" wie in Zentralasien. Damit hat die Kanzlerin exakt das, was sie partout nicht wollte: die Gleichsetzung, jedenfalls die Parallelisierung von Mali und Afghanistan – und unpassend zum Wahljahr eine Debatte darüber, ob sich in Westafrika nun wiederholt, was den Deutschen schon am Hindukusch nicht gefiel: ein Einsatz, der als kleine Hilfsmission beginnt und in tiefer Misere endet.

Während die Regierung jede Überlegung zu den Dimensionen der Sache als "wilde Spekulation" abkanzelt, nennt die Opposition Zahlen. Rund 300 Mann stark würde die EU-Mission wohl sein. 50 bis 80 Soldaten könnte Deutschland beisteuern, heißt es hier, von einer "niedrigen dreistelligen Zahl" ist dort die Rede. Warum aber zeigt sich die an sich eher einsatzskeptische Kanzlerin jetzt offen für eine Afrika-Operation? Nun, ein diplomatisches Debakel wie im Frühjahr 2011 kann sich die Regierung kaum noch einmal leisten. Wer damals Nein sagte zu Libyen, muss jetzt umso lauter Ja sagen zu Mali.