"Gratiszeitungen machen uns dümmer" – Seite 1

DIE ZEIT: Herr Lenz, Sie fahren nun seit zehn Jahren auf dem Weg zu Ihrer Arbeit fast täglich mit dem Zug durch die Schweiz. Wie hat sich das Land in dieser Zeit verändert?

Pedro Lenz: Die Züge, die Bahnhöfe, die Autobahnen sind voller geworden. Aber die Menschen sind noch nicht auf diese neue Enge eingestellt. Die Leute machen keine saubere Reihe beim Einsteigen, es bilden sich Trauben, niemand macht von selber Platz, kurz: Wir benehmen uns so, als hätten wir immer noch viel Platz.

ZEIT: Müssen wir von den Japanern lernen?

Lenz: Genau. Und dann fällt mir auf, dass morgens 80 Prozent der Leute in die Gratiszeitung 20 Minuten starren und abends 90 Prozent in den Blick am Abend. Wie selbstverständlich greifen sie in diese Boxen, wo es den Stoff für ihre halbstündige Bahnfahrt gibt. Da steht dann drin, welcher amerikanische Filmstar mit einem anderen Filmstar NICHT mehr ins Bett geht. Und die Leute lesen das!

ZEIT: Was macht diese Lektüre mit den Menschen?

Lenz: Auch wenn es ein bisschen arrogant klingt: Die Gratiszeitungen machen uns Menschen dümmer. Ich behaupte, dass dadurch die Bereitschaft, sich ernsthaft mit seinen Nächsten auseinanderzusetzen, kleiner geworden ist. Heute reden die Menschen nicht mehr über Dinge, die sie selbst erlebt haben, sondern über Dinge, die sie im Blick am Abend gelesen haben. Und sie meinen, Helmut-Maria Glogger sei eine intellektuelle Instanz.

ZEIT: Werden wir alle immer gleicher?

Lenz: Ja, und das macht mich traurig.

ZEIT: Reden die Menschen noch miteinander?

Lenz: Nein, sie stopfen sich die Ohren mit Kopfhörern zu. Und wenn sie reden, dann über ein Nullthema. Dieser Red-Bull-Typ, der aus der Stratosphäre runtergesprungen ist, über den sagen die Leute: »Das ist ein tapferer Cheib.« Dabei war das reine Werbung. Mir fällt auch auf, wie kritiklos die Themen aufgenommen werden. Vor drei Jahren sagte plötzlich einer im Zug: »Bern ist verpennt, da wohnen nur Menschen, die vom Staat leben, und Zürich muss für alle Berner zahlen.« Ich dachte, das sei halt so ein Zahlenmensch. Heute aber, wenn ich in der Beiz zuhöre, reden alle so Zeugs.

ZEIT: Mischen Sie sich dann ein?

Lenz: Da lupft’s mir schon den Hut. Ich sage dann: »Du meinst also, dass in einer Familie der Vater, der arbeiten geht, der Nettozahler ist und die andern sind Nettoempfänger?« Der Gedanke, dass wir füreinander schauen, der geht verloren.

ZEIT: Reden die Menschen nur noch übers Geld?

Lenz: Das fällt mir extrem auf. Und das ist gefährlich. Was unterschied denn die Schweiz von anderen Ländern? Unser letzter Bürgerkrieg, der Sonderbundskrieg, hörte damit auf, dass die Sieger die Verlierer nicht abgeschlachtet, sondern eingebunden haben. Das war der Anfang vom Erfolgsmodell der Schweiz. Wir hatten die Idee, dass wir zueinander schauen, dass sich Gleichgesinnte mit Andersdenkenden zusammenreden. Aber wir verlieren diesen Wert. Wir gleichen uns anderen Ländern an. Das begann mit dem Aufkommen der Kampf-SVP. Es kam ein anderes Klima. Man könnte ein bisschen plakativ sagen: Die SVP hat der Schweiz das Schweizerische weggenommen. Die SVP hat dieses Land internationalisiert.

ZEIT: Die Menschen waren empfänglich dafür.

Lenz: Klar. Und die anderen Parteien und die Medien. Alle wollten plötzlich »provozieren«. Ich kenne Journalisten in Sonntagsmedien, die freudig-nervös werden, wenn sie eine Mail bekommen, in der steht, dass Blocher gehustet hat. Was interessiert es mich, wenn der hustet! Ich habe vor acht Jahren beschlossen, dass in keiner meiner Kolumnen je der Name Blocher vorkommt. Er hat genug Erwähnungen.

"Deshalb ist meine Authentizität auch eine künstliche"

ZEIT: Wenn die Menschen nur noch übers Geld sprechen, haben sie doch Angst.

Lenz: Unsere Ängste sind viel komplexer und ungeheurer geworden. Und deshalb hat eine Kampagne gegen Sozialhilfebetrüger Erfolg, auch wenn es sich um Einzelfälle handelt, welche die Allgemeinheit problemlos tragen kann. Aber das sind dankbare Opfer. Man könnte ja auch mal Schweizer Steuerbetrüger thematisieren, aber das fällt den sogenannt kleinen Leuten gar nicht ein. Sie können sich nicht vorstellen, was es heißt, wenn einer dem Staat eine Million Franken an Steuern vorenthält. Aber sie können sich vorstellen, was es heißt, wenn ein Sozialhilfeempfänger BMW fährt.

ZEIT: Haben sich die »kleinen Leute« untereinander entsolidarisiert?

Lenz: Auf jeden Fall. Und das hat mit der Vereinzelung zu tun. Die Menschen gehen heute abends nach Hause und schauen allein Fernsehen. Die Menschen gehen heute ins Fitnessstudio und nicht mehr in den Turnverein. Das Kollektive hat gegenüber dem Individuellen auf ganzer Linie verloren. Trotzdem gibt es immer noch ein starkes Bedürfnis nach dem gemeinschaftlichen Erlebnis. Das befriedigt man dann aber mit Massenveranstaltungen.

ZEIT: Sie sind so erfolgreich, dass Sie bis Ende 2013 ausgebucht sind. Sie stehen mindestens vier Abende pro Woche auf einer Bühne. Warum tun Sie so viel?

Lenz: Mein Freund, der Raphael Urweider, sagt, ich sei dieser typische Secondo, der allen beweisen wolle, dass er der bessere, der fleißigere, der erfolgreichere Schweizer sei als die Alteingesessenen.

ZEIT: Ihr Erfolgsgeheimnis ist, dass Sie ein Gemeinschaftsgefühl herstellen – mehr als andere.

Lenz: Da haben Sie einen Punkt. Viele meiner Kollegen veranstalten ja mittlerweile einen Riesenspektakel, ich bin meistens ganz alleine.

ZEIT: Nicht nur das. Sie können mithilfe des Dialekts den Leuten ein Stück Identität zurückgeben.

Lenz: Ja, ich bin näher bei den Leuten als Autoren, die in der Standardsprache schreiben. Bei zweisprachigen Lesungen rutschen die Leute im Stuhl nach vorne, wenn wir in den Dialekt wechseln. Und wenn diese Vertrautheit hergestellt ist, dann können wir auch mal den Menschen einen Spiegel vorhalten, in den sie sonst gar nie schauen würden.

ZEIT: Das ist das Schlüsselwort: Sie schaffen es, Vertrauen herzustellen. Dazu kommt Ihre Authentizität. Bei Ihnen hat man das Gefühl: Der ist echt.

Lenz: Das ist auch ein Verdienst meines langjährigen Freundes Beat Sterchi. Als ich Schriftsteller werden wollte, habe ich ihm meine ersten Texte gezeigt. Und er hat mir gesagt: »Schreib doch über das, was du kennst, über deine Welt. Und nicht über Schießereien, wenn du noch nie eine Pistole in der Hand hattest. Oder über Verfolgungsjagden, wenn du nicht einmal den Fahrausweis hast.« Das habe ich beherzigt. Meine Welt ist diejenige der normalen Leute. Ihnen höre ich zu.

ZEIT: Sie sind ein kleiner Martin Luther.

Lenz: Den Luther finde ich natürlich ganz groß. Er hat die Standardsprache erfunden. Warum konnte er das? Weil die Menschen seine Übersetzung der Bibel verstanden haben. Er nannte die Dinge bei ihrem Namen. Der hat nicht gekünstelt.

ZEIT: Und künsteln wollen Sie nicht, Sie Künstler!

Lenz: Ein hoch artifizieller Text muss am Ende bei den Menschen als etwas sehr Natürliches ankommen. Manchmal nehme ich mir bei den Kolumnen dafür nicht genug Zeit. Das ärgert mich dann.

ZEIT: Sie haben sich also das Authentische, das Sie auszeichnet, erarbeiten müssen.

Lenz: Ja. Deshalb ist meine Authentizität auch eine künstliche. Aber ich bin schon nahe an meinen Objekten, meinen Menschen. Das habe ich von meinem Vater geerbt. Er hat mich als Bub immer samstags in die Porzellanfabrik in Langenthal mitgenommen, da war er Direktor. Er hat mir die Menschen vorgestellt, die die Öfen am Laufen halten. Er wusste zu jedem etwas zu erzählen: »Der Herr Paganini ist der Schwager von dem, der uns am Sonntag die Würste beim Fußball-Match verkauft.«

"Ich glaube, dass der Sinn des Lebens seine Sinnlosigkeit ist"

ZEIT: Sie haben also einen Begriff für soziale Zusammenhänge gelernt.

Lenz: So orientiere ich mich in der Welt.

ZEIT: Man könnte auch sagen, Sie hätten einen Sinn für die Gemeinschaft von Ihrem Vater gelernt. Und deshalb leiden Sie, wenn der wegbricht. Wie können wir wieder zu diesem Sinn finden?

Lenz: Es gibt die harte und die weiche Tour. Ich bin häufig in Spanien, da habe ich Verwandte. Dort rücken die Leute in der Krise wieder zusammen. Der eine merkt plötzlich, dass der Nachbar auch keinen Job hat – also fängt man an, sich zu helfen. Nicht dass ich mir das für die Schweiz wünschte, aber so entsteht Gemeinschaft. Und dann gibt es die weichere Variante. Sie heißt Verweigerung. Ich selber versuche, dem Griff in die Box der Gratiszeitungen zu widerstehen. Ich will keine Lebenszeit für diesen Müll hergeben. Ich rede lieber mit meinen Mitmenschen. Aber ich kann ja niemand zwingen, es mir gleichzutun. Ich bin da ziemlich ratlos. Manchmal sage ich ein bisschen zynisch: Wenn Honecker in der DDR von allen verlangt hätte, im Zug das Parteiorgan zu lesen, er hätte nie die Abdeckung erreicht, die bei uns die Gratiszeitungen haben.

ZEIT: Finden Sie dieses Gefühl, auf eine Bühne zu treten, eigentlich toll?

Lenz: Das ist schon sehr geil. Das ist unbeschreiblich, diese Anspannung, diese Einmaligkeit. Wissen Sie, ich war mal ein paar Jahre lang Maurer. Da hat nie jemand geklatscht, wenn ich morgens um sieben auf der Baustelle angefangen habe. Da hat mir niemand einen Blumenstrauß überreicht, wenn ich um fünf Uhr nachmittags völlig kaputt nach Hause bin.

ZEIT: Kann man süchtig werden nach dieser Bedeutung, die einem die Bühne gibt?

Lenz: Ja, aber darum braucht man Freunde, die sich für das nicht so interessieren. Das habe ich, Gott sei Dank. Vor Jahren komme ich nach Hause und sage meiner damaligen Freundin: »Das war so geil!« Dann sagt sie: »Schön, aber heute Morgen hast du gesagt, du würdest den Abfall rausbringen. Du hast es wieder vergessen. Und jetzt leben wir wieder eine Woche mit diesem stinkenden Sack.« Dann sage ich: »Wie kannst du vom Abfall sprechen, wenn ich gerade 150 Leute begeistert habe?« Aber sie hatte natürlich recht, solche Zurechtweisungen helfen mir extrem, auf dem Boden zu bleiben.

ZEIT: Was wollen Sie noch? Sie haben alles erreicht, was man mit Mundartliteratur erreichen kann.

Lenz: Den Traum vom hochdeutschen Roman hab ich erst mal begraben. Aber worauf ich schon hoffe: dass Der Goalie bin ig ins Englische, Spanische oder Russische übersetzt wird. Dass ich so ein internationaler Autor werde. Das würde ich mir gönnen.

ZEIT: An was glauben Sie?

Lenz: Ich glaube, dass der Sinn des Lebens seine Sinnlosigkeit ist. Es hat einen Sinn, dass wir die Alkis durchfüttern, zu den Behinderten schauen, die Anormalen akzeptieren. Früher hat man diskussionslos zu den Alten geschaut. Man hätte sie auch totschlagen können. Sie bringen ja ökonomisch nichts mehr. Wir müssen dieses Land, unsere Schweiz, wieder so organisieren, dass es auch für diese Menschen Platz hat, dass niemand mit dem Finger auf sie zeigt. Wir könnten es uns leisten.

ZEIT: Wie wollen Sie sterben?

Lenz: Langsam. Ich habe meinen Vater sterben gesehen. Er lag sechs Wochen lang im Spital. Er konnte sich langsam der Möglichkeit des Sterbens öffnen. Und wir Überlebenden uns auch. Das nahm mir die Angst vor dem Tod.

ZEIT: Was sollen die Überlebenden über Sie sagen, wenn Sie tot sind?

Lenz: Dass es nicht schlecht war mit mir.